Full text: Gemeinsam stärker (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2016 9Interview
kämpfe, sondern eher über Skandale in der 
Wirtschaft – da tut man sich als Gewerk-
schaft ein bisschen schwer, überhaupt dar-
zustellen, was man macht. 
Es wird also immer schwieriger, diese 
Gruppen zu organisieren, weil sich die Ar-
beitswelt verändert hat. Die Arbeitszusam-
menhänge werden immer fragmentierter 
und individualisierter. Das heißt, man 
sieht vielleicht weniger Gemeinsamkeiten 
als früher. Der Industriearbeiter hatte mit 
seinem Kollegen relativ klare Gemeinsam-
keiten. Da hat man auch als Gewerkschaft 
klar sehen können, wo die Stellschrauben 
sind, um etwas zu verändern. Nur durch 
die Pluralisierung der Arbeitsverhältnisse 
vor allem im Dienstleistungsbereich, der 
ja massiv zugenommen hat, wird es immer 
schwieriger, Gemeinsamkeiten zu definie-
ren und Interessen zu konstruieren. 
Dabei soll es durch die sozialen Medien 
doch leichter geworden sein, an Menschen 
heranzutreten. 
Da spielt diese Unverbindlichkeit eine Rol-
le, die auch in den sozialen Medien verbrei-
tet ist. Man möchte zwar viel wissen, man 
möchte verlinkt sein – aber beitreten und 
monatlich den Mitgliedsbeitrag zahlen? 
Diese Verpflichtungsfähigkeit hat stark 
nachgelassen. 
Welche vielversprechenden Lösungen 
 haben Gewerkschaften in anderen Län-
dern verfolgt? 
Länder, die das Organizing-Modell verfol-
gen, versuchen viel offensiver, über die neu-
en Medien zu gehen. Und sie setzen auf 
sogenannte Organizer. Das sind Gewerk-
schafterInnen, die von außen in die Betrie-
be gehen und versuchen, Vertrauen aufzu-
bauen und ArbeitnehmerInnen zu mobili-
sieren, ihre Interessen selbst zu vertreten. 
Über diesen Weg versuchen sie, durch 
 Multiplikatoreffekte eine kritische Masse 
und Gegenmacht zu erzeugen. 
Dieses Aktivierungselement ist zentral 
– und das kann man in Österreich eher 
schlecht. Die Gewerkschaften und die Be-
triebrätInnen nehmen die Arbeitnehme-
rInnen eher als passiv wahr, und auch 
die ArbeitnehmerInnen selbst äußern auf 
Anfrage, dass die Gewerkschaften ihre In-
teressen vertreten sollen.  
Ich höre das irrsinnig oft, dass Perso-
nen, die prekär beschäftigt sind, sagen: 
Die Gewerkschaft tut nichts für mich. Wo 
ist mein Vertreter? Wer steht für mich ein? 
Wer repräsentiert mich? 
Das ist ja auch Ausdruck dessen, dass 
man erwartet, dass jemand etwas für 
eine/n macht. In Österreich mangelt es an 
dieser Bereitschaft zur Selbstorganisation. 
Es hängt außerdem immer auch vom 
politisch-institutionellen Kontext ab, ob 
bestimmte Strategien Erfolg haben oder 
nicht. Das muss man immer ins Kalkül 
ziehen. 
Und welche Rolle spielen die Mitglieder 
für die Gewerkschaften? 
Die Gewerkschaften haben seit den 1960er-
Jahren mit massiven Mitgliederrückgängen 
zu kämpfen. Darauf hat man lange nicht 
reagiert, was erstaunlich ist. Hintergrund 
dafür sind die institutionellen Machtres-
sourcen, die die Gewerkschaften haben. Sie 
waren seit dem Zweiten Weltkrieg ja ganz 
stark in die sozialpartnerschaftlichen, kor-
poratistischen Strukturen eingebettet und 
sind es zum Teil immer noch. Das bedeu-
tet, dass die Gewerkschaften bisher relativ 
unabhängig von ihren Mitgliederzahlen auf 
verschiedenen Ebenen Einfluss ausüben 
konnten, sowohl in der Kollektivvertrags-
politik als auch in der Makropolitik – sie 
konnten maßgeblichen Einfluss auf den 
Gesetzgebungsprozess ausüben. In die Be-
triebe hinein wiederum können sie indirekt 
über den Betriebsrat Einfluss ausüben. 
Tálos (der Politikwissenschafter Em-
merich, Anm.) sagt, dass es einen Trend in 
Richtung Einflusslogik gibt. Das heißt, 
dass sich die Gewerkschaften an ihren 
hauptsächlichen Einflusspartnern orien-
tierten und ihre Mitglieder mehr oder we-
niger vernachlässigten. 
Was ließ die Gewerkschaften umdenken? 
Der Bawag-Skandal war sicherlich ein 
Grund, noch viel stärker wirkte die schwarz-
blaue Koalition. Der heutige Präsident-
schaftskandidat Andreas Khol (damals 
ÖVP-Klubchef, Anm.) beispielsweise ist 
ja mit seinem Ausspruch „Speed kills“ 
recht bekannt geworden. Er hat die Ge-
setzgebungsverfahren so rasch vonstatten 
gehen lassen, dass den Gewerkschaften 
und der Arbeiterkammer de facto eine 
 Beteiligung am Gesetzgebungsverfahren, 
wie das traditionell üblich ist, kaum noch 
möglich war. 
Zur Verteidigung der Gewerkschaften 
muss man aber sagen, dass bereits Anfang 
der 2000er-Jahre vor allem eine Gewerk-
schaft massive Restrukturierungsprozesse 
durchgemacht hat: die GPA-djp, damals 
nur GPA. Damals hat man Plattformen 
und Interessengemeinschaften eingerich-
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„Die Arbeitswelt verändert sich in einer unglaub-
lichen Geschwindigkeit, was durch zahlreiche 
Entgrenzungsphänomene sichtbar wird. Dazu 
kommt, dass das Kräftegleichgewicht zwischen 
Arbeit und Kapital sich ganz massiv zulasten der 
ArbeitnehmerInnenseite verschoben hat.“
        

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