schaftsbewegung einen neuen lohnpoliti-
schen Schritt: 1990 gab der ÖGB-Bundesvor-
stand das Ziel vor, bei den Kollektivvertrags-
verhandlungen einen Mindestlohn von 10.000 
Schilling durchzusetzen, genauer ein Einkom-
men von 10.000 Schilling pro Monat bei Voll-
erwerbstätigkeit, berechnet als ein Vierzehn-
tel des Jahreseinkommens. Dadurch sollte, 
wie es der Arbeitskreis Wirtschaftspolitik in 
Vorbereitung des 13. ÖGB-Bundeskongresses 
1995 formulierte, eine gleichmäßige Ver-
besserung der Lebensstandards aller Ar-
beitnehmer erreicht werden, ob sie nun 
im privaten oder öffentlichen Sektor, in 
vor dem Wettbewerb geschützten oder 
diesem ausgesetzten Bereichen oder in 
Branchen mit raschem oder langsamen 
Produktivitätszuwachs beschäftigt sind.
Trotz der „kleinen Wirtschaftskrise“ konnte 
bereits dem 13. ÖGB-Bundeskongress ein 
Anton Benya war bis 1987 Präsident des ös-
terreichischen Gewerkschaftsbundes. Fünf 
Jahre später beschrieb er die Eck punkte der 
gewerkschaftlichen Lohnpolitik während der 
langen Zeit seiner Präsidentschaft:
Für das Ringen um die Lebenssituation 
der arbeitenden Menschen müssen eben 
die der jeweiligen Situation entsprechen-
den zweckmäßigen Mittel eingesetzt wer-
den. Der ÖGB und seine Gewerkschaften 
haben sich für eine koordinierte solida-
rische Lohnpolitik entschieden, bei der 
auch den Schwächeren die Möglichkeit 
gegeben sein muss, ihren Lebensstandard 
der allgemeinen Entwicklung anzupas-
sen. … Unser Vorgehen entsprach auch 
dem System der Zusammenarbeit. Keine 
Ho-ruck-Politik, keine Blitzsiege, keine 
Niederwerfung des Gegners, sondern 
langsame, systematische Anpassung, 
Schritt für Schritt, Stein für Stein aus-
brechend von der Mauer des konservati-
ven Beharrens.
Anton Benyas rückblickende Bilanz hatte 1992 
auch höchsten Aktualitätsbezug. Mit dem En-
de der kommunistischen Sowjetunion und der 
in ihrem Einflussbereich stehenden Regie-
rungen Mittel- und Osteuropas war die „Sys-
temkonkurrenz“ weggefallen – der Sozialstaat 
wurde nicht mehr als demokratisches Gegen-
modell der Länder mit kapitalistisch-markt-
wirtschaftlicher Ausrichtung benötigt. Der 
Turbokapitalismus bekam Hochkonjunktur, 
die Ungleichheit in der Einkommensverteilung 
verstärkte sich zunehmend, Armut begann 
auch in den reichen Gesellschaften wieder 
zum Problem zu werden. 
In dieser nach dem Zweiten Weltkrieg neuen 
Situation setzte die österreichische Gewerk-
Solidarische Lohnpolitik
Der ÖGB und seine Gewerkschaften setzen sich – unabhängig von Regierungs­
plänen – schon seit Jahrzehnten für einen besseren Mindestlohn ein.
 Erfolgsbericht vorgelegt werden, denn bis 
1994 war für fast alle ArbeitnehmerInnen mit 
Vollzeitbeschäftigung der 10.000-Schilling-
Mindestlohn Wirklichkeit geworden. Der Bun-
desvorstand hatte parallel dazu das nächste 
Ziel vorgegeben: einen Mindestlohn von 
12.000 Schilling. Obwohl es wegen der 
 Probleme der Exportwirtschaft und der Ent-
wicklung am Arbeitsmarkt in der zweiten 
 Hälfte der 1990er-Jahre noch schwierigere 
Rahmenbedingungen gab als in den Jahren 
zuvor, hielten sich die Gewerkschaften daran. 
Sie behandelten die niedrigsten Lohnstufen 
bevorzugt – und leisteten damit einen ent-
scheidenden Beitrag, um ArbeitnehmerInnen 
vor der Armutsfalle zu bewahren. 
Ausgewählt und kommentiert 
von Brigitte Pellar 
brigitte.pellar@aon.at
4 Arbeit&Wirtschaft 3/2017
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Ein Plakat der Gewerkschaft Metall-Bergbau-Energie (heute in der  Produktionsgewerk- 
schaft PRO-GE) aus den 1990er-Jahren. Die Gewerkschaften, die KollegInnen starker  Branchen 
organisierten, begannen als Erste, den angestrebten Mindestlohn durchzusetzen.
        

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