5Arbeit&Wirtschaft 3/2017
Unwürdiges Gezerre 
um das Mindeste 
U
m kaum etwas gibt es im Moment 
so viel Gezerre wie darum, was wohl 
das „Mindeste“ ist: Die Mindestsi-
cherung soll gekürzt werden bzw. 
wurde es in manchen Bundesländern be-
reits. Eines der Argumente, die bei der Kür-
zung von Sozialleistungen wie dieser immer 
wieder vorgebracht werden, lautet: Es muss 
sich für die Menschen lohnen, arbeiten zu 
gehen. Allzu vorschnell wird daraus der 
Schluss gezogen, dass deshalb Sozialleistun-
gen gekürzt werden müssten. Doch man 
könnte die Argumentation auch umdrehen 
– und sollte dies auch tun: Die Löhne und 
Gehälter müssen steigen, damit es sich für 
die Menschen lohnt, arbeiten zu gehen. 
Knapp über der Armutsschwelle
Im Übrigen sollte man auch den Arbeits-
markt nicht außer Betracht lassen. So hat 
sich die Zahl der Langzeitbeschäftigungs-
losen seit 2008 mehr als verdreifacht. Es 
ist also geradezu zynisch, wenn man die 
Kürzung von Sozialleistungen damit be-
gründet, dies sei ein Anreiz zur Arbeit  – 
wenn viele Menschen deshalb nicht arbei-
ten, weil sie keinen Job finden, und nicht, 
weil sie dies so wollten. Aber das nur ne-
benbei bemerkt. Momentan wird heiß über 
den Mindestlohn diskutiert, 1.500 Euro 
soll dieser in Österreich ausmachen, wurde 
von Bundeskanzler Christian Kern als Ziel 
formuliert. Mit einem solchen Mindest-
lohn kommen ArbeitnehmerInnen auf 
1.200 Euro netto. Zum Vergleich: Die 
Schwelle, ab der eine alleinstehende Person 
in Österreich als armutsgefährdet gilt, liegt 
bei 1.163 Euro, also nur knapp darunter. 
Viel zu viele Menschen in Österreich gel-
ten als arm trotz Arbeit. Besonders betrof-
fen: Alleinerzieherinnen, Menschen mit 
schlechten Bildungschancen sowie Mig-
rantInnen. Und: Mehr als 200.000 Men-
schen erhalten ein Einkommen unterhalb 
der angestrebten 1.500 Euro. 
Wir müssen uns über Verteilung un-
terhalten – und zwar in diesem Fall nicht 
über die Verteilung von Vermögen, son-
dern über die Verteilung von Arbeit und 
insbesondere deren Bezahlung in unserer 
Gesellschaft. Wir müssen uns darüber 
unterhalten, warum bestimmte Jobs 
selbstverständlich gut bezahlt werden, 
während es andere ebenso selbstverständ-
lich nicht werden, obwohl hier wie da 
Schwerarbeit geleistet wird. Wir müssen 
uns darüber unterhalten, warum unter 
Schwerarbeit hauptsächlich männliche 
Branchen fallen: Warum etwa fallen dar-
unter nicht auch Angestellte im Handel, 
die immerhin auch viele schwere Lasten 
zu tragen haben. Wir müssen uns darüber 
unterhalten, dass immer mehr Jobs Teil-
zeit sind oder gar prekär und damit erst 
recht kein finanzielles Auskommen er-
möglichen. 
Es mag erstaunlich klingen, doch ge-
rade in so gut bezahlten Berufen wie 
RechtsanwältInnen, NotarInnen oder 
ZahnärztInnen erhalten die Angestellten 
immer noch weniger als 1.500 Euro. 
Noch dazu ist völlig unklar, wann sie die-
sen angestrebten Mindestlohn bekom-
men werden. Auch in anderen Branchen 
müssen sich die MitarbeiterInnen noch 
gedulden. Das eigentlich Ärgerliche: Die-
ser Betrag kann nur eine erste Etappe sein. 
Wie bereits erwähnt liegt man damit ge-
rade einmal knapp über der Armutsge-
fährdungsschwelle. Das ist nur einer der 
Gründe, weshalb die Gewerkschaften 
schon länger einen höheren Betrag anstre-
ben, nämlich 1.700 Euro. 
1.700 sind das Mindeste
Das aktuelle Tauziehen lässt erahnen, wie 
schwierig es sich erst recht gestalten wird, 
dieses weitere Ziel zu erreichen. Dabei 
wäre es auch dafür schon höchste Zeit. Ein 
weiteres Faktum dazu: Seit 2008 sind die 
Wohnkosten pro Quadratmeter für Bezie-
herInnen von niedrigen Einkommen fast 
dreimal so stark gestiegen wie für Haus-
halte mit hohen Einkommen. Somit bleibt 
von dem erwirtschafteten Einkommen 
 immer weniger übrig. Und: Sobald man 
arbeitslos wird, liegt man darunter, wenn 
man vorher 1.500 Euro verdient hat. Erst 
recht ist somit vorprogrammiert, dass 
man im Alter mit einer viel zu geringen 
Pension sein Auskommen finden muss. 
Deshalb: Wenn, dann sind 1.700 Euro 
ja wohl das Mindeste!
Standpunkt
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Arbeit&Wirtschaft
        

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