Full text: Was der alles kann! (6)

29Arbeit&Wirtschaft 6/2017 REPORTAGE
W
er nichts zu erledigen hat, hält 
hier nicht an. Allenfalls für ei­
nen Frappé an der Raststätte, 
bevor die Autobahn endet und 
die Kurverei durch Tempe beginnt, das 
enge Tal am Fuß des Olymp, das Thes­
salien von Makedonien trennt. Es ist viel 
zu heiß hier, in der thessalischen Ebene, 
wo die Sonne 100 Kilometer weit über 
Weizenfelder brennt. Larisa, die große 
Provinzstadt, sieht man ohnehin nicht. 
Sie liegt etwas westlich von der Autobahn, 
drei gute Autostunden entfernt von 
Athen. Wenn es einen toten Punkt in 
Griechenlands Jahrhundertkrise gibt, 
dann liegt er hier.
Irgendeine Aussicht auf Besserung? 
Morris Magrizou schüttelt den Kopf. 
„Nein!“, ruft er aus. „Kein Gedanke.“ 
Magrizou gehört zu Larisa. Er ist der 
Präsident der alteingesessenen jüdischen 
Gemeinde, aber auch Inhaber eines gro­
ßen Möbelhauses in der Stadt. Kaum 
einer kommt nun, um bei ihm zu kau­
fen. Weil nichts gebaut wird in Larisa – 
keine neuen Häuser und Wohnungen –, 
braucht auch niemand mehr neue Mö­
bel. Die Banken haben sowieso kein 
Geld für Kredite, weder für Bauunter­
nehmer noch gar für kleine Privatkun­
dInnen. Fast alles steht still im neunten 
Jahr der Finanz­ und Wirtschaftskrise.
Vor 2009, in den Jahren vor und 
nach dem Beitritt zur Eurozone, als 
Griechenlands Banken mit billigem 
Geld überschwemmt wurden und auch 
niemand wirklich die üppigen Agrarbei­
hilfen aus Brüssel kontrollierte, war das 
ganz anders. Larisa war Highlife. Viel­
leicht nicht der eleganteste Ort im Land, 
aber laut und fröhlich. Thessaliens Pro­
vinzhauptstadt war legendär für ihr 
Nachtleben. Bouzoukias schossen aus 
dem Boden, die Nachtlokale mit seich­
ter Live­Musik. Ein Porsche Cayenne, 
völlig unerschwinglich in heutigen Zei­
ten, galt vielen Bauern im Umland als 
Statussymbol für den nächtlichen Aus­
ritt in die Stadt wie für die Fahrt aufs 
Feld.
Jetzt fällt die große Zuckerfabrik 
draußen auf der Landstraße von Larisa 
nach Thessaloniki zusammen. Sie war die 
erste von fünf Fabrikanlagen im Land, 
die Griechenlands staatliches Zucker­
unternehmen EBZ (Hellenische Zucker­
industrie) in den 1960er­Jahren baute. 
Nur eine arbeitet heute noch, die ande­
ren hat Brüssel auf dem Gewissen. Vor 
zehn  Jahren beschloss die EU eine radika­
le Schrumpfkur für die Zuckerindustrie, 
Griechenland musste seine Produktion 
halbieren. In Larisa waren gleich einmal 
500 Arbeitsplätze weg. Die Landwirte 
haben 2008 als Erste die Krise gespürt, 
erinnert sich Nikos Papadopoulos, der 
Abgeordnete der linksgerichteten Regie­
rungspartei Syriza, aus Larisa. Er ist der 
einzige Bauer im griechischen Parlament.
        

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