Full text: Work in Regress (2)

profitierten, kam es auch schon damals zu 
populistischen Angriffen auf die „Sozial-
schma rotzer“. In seiner Bilanzrede vom März 
1922 erinnerte der frühere Sozialstaats-
sekretär Ferdinand Hanusch, zu diesem Zeit-
punkt Vorsitzender des sozialpolitischen Aus-
schusses, an diese Widerstände: Es ist da­
mals über die Arbeitslosen geradezu 
geschimpft worden wie heute. Man 
stand immer auf dem Standpunkte, 
dass der Arbeitslose an seinem Unglück 
selbst schuld sei und dass die öffent­
liche Gewalt infolgedessen nicht Ur­
sache habe, einzugreifen. 
Karl Mühlberger, ein ehemaliger Berufsoffi-
zier, parierte die Angriffe, indem er die Kosten 
für die Arbeitslosenhilfe den Kosten für die 
Kriegsführung gegenüberstellte: … so möch­
te ich feststellen, dass die Arbeitslosen­
unterstützung in diesen 16 Monaten 
insgesamt 447 Millionen Kronen gekos­
tet hat, also ungefähr soviel, als die 
Kriegsführung in einer Woche ver­
schlungen hat.
Im Jahr 1920 zeichnete sich ein rasanter Rück-
gang der Arbeitslosigkeit ab, gleichzeitig war 
die junge Republik so gut wie pleite und konn-
te die Unterstützungsleistung nicht mehr al-
lein finanzieren. Die Situation schien günstig, 
um das soziale Netz für den Fall der Arbeits-
losigkeit auf eine neue Grundlage zu stellen 
und gleichzeitig weiter zu spannen. Mit dem 
Gesetz vom März 1920 wurde auch für die Un-
terstützung von Arbeitslosen das Versiche-
Wie das Betriebsrätegesetz ist die österrei-
chische Arbeitslosenversicherung eine Er-
rungenschaft der demokratischen Republik 
von 1918 und Vorbild für andere Länder. Nach 
einigen Wochen schwieriger Verhandlungen 
wurde am 12. November 1918 die Republik 
ausgerufen. Eine ihrer ersten Maßnahmen 
war die Einführung einer staatlichen Arbeits-
losenunterstützung für die ArbeiterInnen der 
Industrie, weil es akuten Handlungsbedarf 
gab. Der sozialdemokratische Abgeordnete 
Karl Antal Mühlberger schilderte die Situati-
on nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als 
Ausschussberichterstatter vor dem Be-
schluss des Gesetzes „über die Unterstüt-
zung der Arbeitslosen“ im März 1920: Sie 
kennen den Stand der Arbeitslosigkeit 
und Sie wissen, dass die Arbeitslosig­
keit nicht nur auf den Zusammenbruch 
der Front, sondern auch auf die Zer­
reißung unseres Staates zurückzufüh­
ren ist, wodurch uns die nötigen Roh­
stoffe, Kohle und Halbfabrikate fehlen, 
so dass die Verhältnisse natürlich sehr 
traurig sind.
Unter diesen Bedingungen konnte 1919 kein 
ausreichendes Beschäftigungsangebot ge-
schaffen werden. Die Arbeitslosenrate er-
reichte in diesem Jahr 18,4 Prozent, ein Wert, 
der erst in der Weltwirtschaftskrise 1932 
überschritten wurde. Da die Notunterstüt-
zung nur für den Bereich der Industrie galt, 
bot sie nur etwas über 40 Prozent der Ar-
beitslosen ein Mindestmaß an Hilfe. Obwohl 
in erster Linie heimgekehrte Soldaten davon 
Am Unglück selbst schuld
Selbst „Helden des Vaterlands“ traf schon 1918 der Vorwurf „Sozialschmarotzer“  
zu sein, wenn sie von Arbeitslosengeld leben mussten.
rungsprinzip eingeführt, mit Finanzierung zu 
je einem Drittel durch Beiträge der Arbeitneh-
merInnen, der Arbeitgeber und aus dem 
Staatsbudget. Im Zuge der deflationären Bud-
getsanierung mit extremer Sparpolitik ging 
der Staatsanteil allerdings auf null zurück, 
bis die Weltwirtschaftskrise die „Selbstregu-
lierungskräfte des Marktes“ infrage stellte.
Ausgewählt und kommentiert von 
Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at
4 Arbeit&Wirtschaft 2/2018
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© ÖGB-Plakatarchiv.
Ein Heimkehrertransport in Marchegg im 
November 1919. An allen Grenzen sah es 
ähnlich aus. August Forstner, Abgeordneter 
und Vorsitzender der Transportarbeiter-
gewerkschaft, schilderte das Chaos jener 
Tage: Die wenigen Züge, die […] abgehen 
können, sind auf den Treppen, Waggon-
dächern, Lokomotiven und Tendern derart 
besetzt, dass keine Stecknadel Platz finden 
könnte. 
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