15Arbeit&Wirtschaft 1/2018
ren. Auffallend ist auch, dass viele die-
ser Firmen Familienunternehmen sind 
und von patriarchalisch agierenden – 
und meist nicht mehr ganz jungen – 
Chefs geleitet werden. Exemplarisch 
dafür steht Erwin Müller, Ähnliches 
galt für Anton Schlecker und Karlheinz Essl 
senior, deren Unternehmen inzwischen 
nicht mehr existieren und deren ehe-
malige MitarbeiterInnen keinen Be-
triebsrat gründen durften. „An der Ge-
schäftstüre beginnt mein Reich und 
niemand darf mir dabei dazwischen-
funken“, beschreibt Teiber das Firmen- 
und Verhandlungsklima in solchen Be-
trieben.
Ähnlich agierte im Frühjahr 2016 
Red-Bull-Milliardär Dietrich Mate-
schitz. In seinem Unternehmen Ser-
vus TV soll eine Doodle-Umfrage zir-
kuliert sein, die auszuloten versuchte, 
ob es innerhalb der Belegschaft eine 
Mehrheit für die Gründung eines Be-
triebsrats gäbe. Allein dieser Umstand 
habe Mateschitz schon derart erzürnt, 
dass er kurzerhand beschloss, den Sen-
der aufzulassen. Etwa 260 Arbeitsplät-
ze wären davon betroffen gewesen. In 
einem offenen Brief sprachen sich da-
raufhin mehr als 200 MitarbeiterIn-
nen gegen die Gründung eines Be-
triebsrates aus und unterzeichneten 
diesen Kniefall vor dem Patriarchen. 
„Die anonyme Umfrage über die 
mögliche Gründung eines Betriebsra-
tes unterstützen wir – und das ist die 
überwältigende Mehrheit aller Mitar-
beiter von Servus TV – ausdrücklich 
nicht“, stand in dieser Erklärung un-
ter anderem zu lesen. Der Patriarch 
wurde milde und führt nun den Sen-
der weiter.
Gut gegründet wehrt es sich besser 
Aus ihrer Erfahrung weiß die Wiener 
GPA-djp-Geschäftsführerin Teiber, dass 
MitarbeiterInnen gehörigen Mut auf-
bringen müssen, um in gewissen Firmen 
als Betriebsrat zu kandidieren. „Manche 
Geschäftsführungen bauen einen irrsin-
nigen Druck auf und verbreiten Dinge 
wie ‚Da zieht dann der Kommunismus 
ein‘ oder ‚Mit einem Betriebsrat wird 
alles schlechter und das Unternehmen 
geht deshalb zugrunde‘“, beschreibt Tei-
ber manch wirre Versuche, die Beleg-
schaft zu verängstigen und gegen die 
Gewerkschaft aufzubringen. 
Wer sich trotzdem entschließt, ei-
nen Betriebsrat zu gründen, sollte sich 
möglichst früh und im Vorfeld von sei-
ner Gewerkschaft beraten lassen. Tei-
ber: „Es ist wichtig, die richtige Strate-
gie zu verfolgen und auch formal bei 
der Wahl des Betriebsrates alles korrekt 
zu handhaben.“ Damit rechtlich alles 
passt, sollten sich die ArbeitnehmerIn-
nen, die für den Betriebsrat kandidie-
ren wollen, unbedingt von Arbeits-
rechtsexpertInnen der Gewerkschaften 
unterstützen lassen. Ein guter Grund 
dafür: Mögliche Einsprüche und Wahl-
anfechtungen der Geschäftsführung 
könnten sonst erfolgreich sein. 
Beeindruckende Erfolge
Doch auch wenn eine Geschäftsleitung 
nicht aktiv gegen die Installierung eines 
Betriebsrates arbeitet, kann es nicht im-
mer einfach sein, einen Betriebsrat zu 
gründen, etwa in größeren Unterneh-
men mit vielen Betriebsstandorten. Da 
kennen die MitarbeiterInnen oft nur die 
Belegschaft am eigenen Standort. Dem-
entsprechend schwierig ist es für sie, Ar-
beitnehmerInnen in anderen Filialen 
anzusprechen. Damit einher geht auch 
die Herausforderung, genügend Men-
schen zu finden, die auch bereit sind, 
für den Betriebsrat zu kandidieren. 
Denn neben ihrer „normalen“ Arbeit 
sollten diese MitarbeiterInnen auch En-
gagement für die Betriebsratstätigkeit 
aufbieten. Trotz dieser Herausforderun-
gen wurden in den vergangenen Jahren 
sehr beeindruckende Erfolge erzielt – so 
ist es etwa gelungen, bei großen Han-
delsketten wie Lidl und Zara in Öster-
reich Betriebsräte zu gründen.
Österreich rollt’s vor
In einer ganz anderen Branche gibt es 
sogar eine europäische Besonderheit: 
den ersten Betriebsrat für Fahrrad-
botInnen bei foodora. „Junge engagier-
te FahrradbotInnen sind an uns heran-
getreten und haben die vida gebeten, 
bei der Gründung zu helfen“, berichtet 
Gudrun Thiemer vom Wiener Landes-
sekretariat der vida. FahrradbotInnen 
gehören zu einem Berufssektor, in dem 
es Gewerkschaften seit jeher nicht be-
sonders leicht hatten. Denn die Fahr-
radbotendienste sind nicht bloß unter-
schiedlich organisiert – von der 
GesmbH bis zum Verein –, auch der 
Freiheitsbegriff der BotInnen spielt eine 
zentrale Rolle. Für die „Riders“ gilt: 
„Wir arbeiten, wann wir wollen und wie 
lange wir wollen.“ Eine wahre Heraus-
forderung für die vida. Thiemer: „Wir 
wollen den BotInnen diese Flexibilität 
nicht nehmen. Wir möchten aber na-
türlich, dass sie zu ihrem Geld kom-
men.“ Als sie an die vida herantraten, 
haben die jungen Menschen ganz genau 
gewusst, was ihnen wichtig ist. Und ein 
Betriebsrat ist das stärkste Rechts-Inst-
rument, um die Bediensteten zu vertre-
ten. Ein weiteres Ziel in naher Zukunft: 
ein Kollektivvertrag für die gesamte 
Branche. Das würde zu besseren Dienst-
verhältnissen führen und einem So zial-
dumping vor beugen.
Positiver Klima-Wandel
Europaweite Studien belegen: Betriebs-
räte verbessern das Arbeitsklima und die 
Arbeitsbedingungen. Sie sind die zent-
rale Anlaufstelle für alle MitarbeiterIn-
nen, sie unterstützen sie in arbeitsrecht-
lichen und sozialrechtlichen Belangen. 
Das schafft geordnete Verhältnisse – die 
Geschäftsleitung muss also nicht damit 
rechnen, dass eine Abteilung wilde Ar-
beitskämpfe ausruft. Wo gerne gearbei-
tet wird, ist auch die Fluktuation gerin-
ger. Ständiger Personalwechsel kostet die 
Firmen viel Geld. In Firmen mit Be-
triebsrat ist das Entgelt im Schnitt um 
10 bis 15 Prozent höher. Gibt es einen 
Betriebsrat, geht es den Menschen in 
ihrem Arbeitsalltag besser.
Argumente, denen sich Firmenchef 
Müller eisern verschließt. „Für uns ist 
es unverständlich, dass man sich in 
 dieser Vehemenz gegen einen Dialog 
wehrt. Wir wollen ja das Unternehmen 
nicht zerstören, sondern die Lage der 
Beschäftigten verbessern“, wundert 
sich Barbara Teiber. 
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