34 Arbeit&Wirtschaft 7/2018 U nd hier ist er: Günther, der Pflas- terer! Mit diesen Worten bittet ÖGB-Referatsleiter Willi Mernyi am 30. Juni einen unscheinbaren Mann mittleren Alters zu sich auf die Bühne. Die rund 100.000 Demonst- rantInnen bei der Kundgebung „Nein zum 12-Stunden-Tag!“ auf dem Wiener Heldenplatz applaudieren, pfeifen und winken – die Geschichte des Handwer- kers ging in den Wochen zuvor mit ei- nem YouTube-Video viral. Die Geschichte vom zuvor unbe- kannten Pflasterer Günther, der in nur acht Stunden 3.400 Kilo heben muss, bewegt die Menschen. Sie ist ein schö- nes Beispiel dafür, dass Statistiken und volkswirtschaftliche Daten die Ar- beits- und Lebensrealität nur einge- schränkt wiedergeben können, wäh- rend die Aussagen der Beschäftigten ein genaueres Bild davon zeichnen, wie die Belastungen am Arbeitsplatz tatsächlich aussehen. Besonders wenn es um Arbeitszeit und Druck in der Arbeit geht, ist die persönliche Wahr- nehmung aussagekräftiger als statisti- sche Kennzahlen und Gesetze. Tatsächliches Empfinden Mit genau dieser Idee trat die Arbeiter- kammer Oberösterreich 1996 an die Institute SORA und IFES heran: ein Instrument zu entwickeln, das das tat- sächliche Empfinden der Arbeitneh- merInnen erheben kann – anders als etwa das Bruttoinlandsprodukt der Wirtschaftsforschungsinstitute, die Arbeitslosenrate des AMS oder die Ar- beitszeitstudie der Statistik Austria. Überstunden, die nicht offiziell einge- tragen werden, Krankentage, die nicht als Krankenstände aufscheinen, Er- wartungen, die nicht mit den Prog- nosen der WirtschaftsforscherInnen übereinstimmen: All das sollte mit ei- nem Instrument messbar gemacht werden. Das Ergebnis war der Öster- reichische Arbeitsklima Index, mit dem ArbeitnehmerInnen seit 1997 die gleichen Basisfragen gestellt werden. Jedes Jahr werden rund 4.000 un- selbstständig Beschäftigte zu Hause im Rahmen eines persönlichen Interviews befragt. Mit 25 Fragen zu Vorgesetz- ten, Kolleginnen und Kollegen, Ein- kommen, Stress, Karriere, Arbeits- markt und einigen anderen Bereichen wird der Arbeitsklima Index erhoben. Die Befragung erfolgt in vier Wellen pro Jahr, ihre Ergebnisse sind repräsen- tativ für die unselbstständig Beschäf- tigten in ganz Österreich. So können seit mehr als 20 Jahren die Verände- rungen in der Arbeitsrealität gemessen werden. Insgesamt wurden bis heute mehr als 100.000 Personen befragt. Im Jahr 1997 auf 100 Punkte gesetzt, zeigt der Arbeitsklima Index die Verände- rungen im Laufe der Jahre. 2007 wur- de mit 112 Punkten ein Höchstwert erreicht, bevor die Wirtschaftskrise und der Pessimismus den Wert im Jahr 2016 auf 105 Punkte fallen ließen. In den letzten zwei Jahren folgte eine Er- holung bis auf 110 Punkte. Über die Jahre wurden weitere Fragen ergänzt und mit dem Arbeitsgesundheitsmo- nitor und dem Führungskräfte Moni- tor wurden auch zwei neue Instrumen- te geschaffen. Überstunden machen unzufrieden Laut Statistik Austria wurden im letz- ten Jahr in Österreich 250 Millionen Überstunden geleistet, jede fünfte da- von blieb unbezahlt. Für die Be- schäftigten bedeutet das: Mehr als die Hälfte macht gelegentlich Überstun- den, ein Drittel sogar häufig. Beson- ders lange Arbeitszeiten gibt es in der Baubranche und bei Berufskraftfahre- rInnen. Die durchschnittliche Ar- beitszeit bei Vollzeitbeschäftigten liegt bei 42 Stunden pro Woche. Mehrarbeit gehört also für einen Großteil der Menschen schon jetzt zum Alltag. Die Folgen von Mehr- und Über- stundenarbeit: Beschäftigte, die mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten, sagen doppelt so oft wie jene mit weni- ger als 40 Stunden Arbeit pro Woche, dass sie Beruf und Privatleben nur schlecht vereinbaren können. Bei einer Wochenarbeitszeit über 40 Stunden sinkt auch die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeitszeit stark, während Teilzeitbeschäftigte zufriedener sind. Die Hälfte der Personen mit Über- stunden ist unzufrieden mit ihrer Arbeitszeit, bei jenen ohne Überstun- den ist nur jede/r Sechste damit un- zufrieden. Auch die Argumentation, die Be- schäftigten mit längeren Arbeitszeiten könnten sich ihre Aufgaben und Zei- Bernhard Mader Kommunikationsabteilung der AK Oberösterreich Sprachrohr der Beschäftigten Betroffene erleben die Wirklichkeit oft ganz anders als in Statistiken. Genau diese Erfahrungen fragt die AKOÖ seit 1997 in ihrem Arbeitsklima Index ab.

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