Full text: Wie viel darf’s denn sein? (2)

Experimente in Betrieben zeigen: Kürzere Arbeitszeitmodelle 
funktionieren deutlich besser als lange. Auch mehr freie Tage 
bringen viel. XIMES-Geschäftsführer Johannes Gärtner über 
intelligente Arbeitszeitmodelle, österreichische Pausenkultur 
und familiäre Schichtpläne.
Interview: Astrid Fadler  
Fotos: Michael Mazohl
 Regelrechter
     Kippeffekt 
Arbeit&Wirtschaft: Wenn man sich an 
Ihr Unternehmen in Sachen Arbeitszeit 
wendet: Wie läuft eine Beratung ab? 
Johannes Gärtner: Wir sehen Arbeits-
zeit immer i  vi r Dimensionen: erstens 
die juristische, zweitens Wirtschaftlich-
keit und Kunden- oder Patientennutzen, 
drittens die Wünsche der MitarbeiterIn-
nen und schließlich die Gesundheit. Da-
bei sind die letzten beiden keineswegs 
immer identisch. Wir versuchen Lösun-
gen zu finden, die in allen vier Dimen-
sionen optimal sind – in der Regel ge-
meinsam mit allen beteiligten Gruppen, 
also quasi sozialpartnerschaftlich. Das 
hat sich sehr bewährt, denn es geht hier 
um einen vielschichtigen Themenkreis, 
und wenn man die einzelnen Aspekte 
besser versteht, kann man bessere Lö-
sungen erarbeiten. Dabei kommt auch 
die Technik ins Spiel. Hier sind kompli-
zierte Rechenvorgänge nötig, weil viele 
Faktoren bedacht werden müssen: Ein-
haltung der Wochenruhe, Personalauf-
wand, Schichtzeiten etc. Das findet oft 
schon direkt im Gespräch mit den Kun-
den statt. So erhalten wir gleich wertvol-
le Rückmeldungen.
Welche Wünsche haben die Beschäftig-
ten selbst?  
Es ist ziemlich eindeutig, dass mehr Ein-
fluss auf die Arbeitszeit als positiv erlebt 
wird. Was ich festgestellt habe: Sobald 
Menschen persönliche Erfahrungen mit 
attraktiven Arbeitszeitmodellen haben, 
finden sie auch Gefallen daran. Wenn je-
mand praktische Erfahrungen mit länge-
r n Freiz itblöcken gemacht hat, dann ist 
das viel konkreter als das theoretische 
„Das wäre gut für dich“. 
Inwieweit ist die steigende Flexibilität 
der Beschäftigten ein organisatorisches 
Problem für die Unternehmen? 
Es braucht sicher einiges an Steuerungs- 
und Koordinationsmechanismen. Dass je-
der irgendwann arbeitet, ist sicher nicht 
überall machbar. Es wird jeder Kassakraft 
klar sein, dass während der Öffnungszeiten 
jemand da sein muss. Da kann dann etwa 
das Ziel sein, unbeliebte Randzeiten unter 
den Beschäftigten gerecht aufzuteilen. 
Wenn wir uns ansehen, welche Tä-
tigkeiten in einem Unternehmen anfal-
len, dann gibt es meist viel, das zwar er-
ledigt werden muss, aber nicht zu einer 
bestimmten Uhrzeit. Hier sind Freiräu-
me möglich. Es geht darum, individuel-
le Wünsche und Notwendigkeiten so 
weit wie möglich zu berücksichtigen 
und gleichzeitig das Unternehmen am 
Laufen zu halten. 
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Das Personalbüro in einem Unterneh-
men beispielsweise muss ein verlässli-
cher Ansprechpartner sein: Das bedeu-
tet aber nicht, dass es wirklich jeden Tag 
acht Stunden oder mehr voll besetzt 
sein muss. Mit einer entsprechenden 
Software können wir auch für komple-
xe Aufgabenstellungen von unter-
schiedlichen Wünschen optimale Lö-
sungen erarbeiten.
Welche Rolle spielt die voranschreiten-
de Digitalisierung?
Bei der Arbeitszeit ist hier schon viel pas-
siert, und es wird noch einiges passieren. 
Ich denke, es wird leichter werden, Frei-
zeitwünsche der Beschäftigten und be-
triebliche Erfordernisse unter einen Hut 
zu bringen. Aber auch Fragestellungen wie 
„Warum kommt es kurzfristig in irgend-
einem Bereich zu Mehrstunden?“ werden 
in Zukunft leichter geklärt werden kön-
nen. Und die Beschäftigten werden mehr 
Freiräume haben. Wenn man – Stichwort 
„Big Data“ – Tausende von Arbeitszeiten 
anschauen kann, dann kann man auch 
Muster erkennen. Auch für die Politik 
bringt das mehr Wissen über Arbeitszeiten 
und was einzelne Regelungen bewirken. 
Früher haben wir an manchen Frage-
stellungen tagelang gearbeitet, das lässt 
sich heute mit entsprechender Software 
in einer Stunde erledigen. Allerdings ha-
ben sich die Fragestellungen erweitert. So 
entwickeln wir gerade einen Unfallrech-
ner, der die Unfallwahrscheinlichkeit ab-
hängig von der Arbeitszeit berechnet. 
Experimente in Betrieben zeigen: Kürzere Arbeitszeitmodelle funktionieren  
deutlich besser als lange. Auch mehr freie Tage bringen viel. XIMES-Geschäftsführer 
Johannes Gärtner über intelligente Arbeitszeitmodelle, österreichische Pausenkultur 
und familiäre Schichtpläne.
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18 Arbeit&Wirtschaft 2/2019
        

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