Full text: Wie viel darf’s denn sein? (2)

es einen regelrechten Kippeekt. Sobald 
die Menschen praktische Erfahrung mit 
kürzeren Arbeitszeiten gemacht haben, 
erscheint weniger Geld nicht mehr so 
abschreckend wie davor. Nicht zuletzt 
deshalb ist die Freizeitoption ja auch so 
erfolgreich.  
Was ist besser: Wochenstunden zu redu-
zieren oder eine sechste Urlaubswoche?
Die allgemeine arbeitswissenschaftliche 
Empfehlung lautet, Belastungsspitzen zu 
reduzieren beziehungsweise zeitnah einen 
entsprechenden Ausgleich zu ermögli-
chen. Von daher spricht einiges für die 
allgemeine Arbeitszeitverkürzung. Ande-
rerseits gibt es Menschen, denen es leich-
ter fällt, komplett von der Arbeit wegzu-
bleiben als den Arbeitstag zu verkürzen. 
Der Erholungseekt eines Urlaubs 
klingt relativ schnell ab. Wenn also die 
sechste Urlaubswoche dazu verwendet 
wird, den Sommerurlaub zu verlängern, 
dann bringt das für den Rest des Jahres 
nur wenig. Kurz gesagt, das Beste wären 
mehr freie Tage, vor allem nach Belas-
tungsspitzen, das Zweitbeste verlängerte 
Wochenenden. Im Schichtbetrieb wäre 
es gut, nach den Arbeitszeiten längere 
Freizeitblöcke zu haben. 
Neben positiven Effekten auf die Ge-
sundheit ermöglicht die Arbeitszeitver-
kürzung Männern ja auch, sich mehr 
an der Kinderbetreuung zu beteiligen. 
Meine Frau und ich hatten bei beiden 
Kindern einen Schichtplan, das kann ich 
nur empfehlen. Wir haben beide weniger 
gearbeitet als vorher und alles genau ein-
geteilt. So lässt sich auch vermeiden, dass 
man um drei Uhr in der Früh darüber 
diskutiert, wer jetzt aufsteht und sich um 
das weinende Kind kümmert. Ich emp-
fehle das Männern auch schon deshalb, 
weil es dann Zeiten gibt, in denen sie 
nicht mehr das fünfte Rad am Wagen 
sind, in denen sie mit dem Kind zu zweit 
sind und damit eindeutig Bezugsperson.
Gibt es einen Trend zum Weglassen der 
Mittagspause?   
Da habe ich leider wenig harte Daten. 
Meine persönliche Erfahrung ist, dass das 
kulturell sehr unterschiedlich gelebt wird. 
In Süddeutschland etwa sind Mittagspau-
sen üblich, in Norddeutschland eher 
nicht. In Österreich haben wir eine relativ 
hohe Pausenkultur und gute Kantinen. 
Unsere Wirtshauskultur mit den Mittags-
menüs gibt es in vielen Ländern nicht. 
Unter gesundheitlichen und sozialen Ge-
sichtspunkten ist das eine gute Instituti-
on. Aber es gibt auch zwischen den Or-
ganisationen große Unterschiede. In 
manchen Unternehmen gehört es einfach 
dazu, die Mittagspause durchzuarbeiten. 
Themenwechsel zum 12-Stunden-Tag: 
Bedeutet das nicht zusätzliche Risiken 
für alle, die mit gesundheitsgefährden-
den Arbeitsstoffen in Kontakt kommen? 
Wir haben generell eine sehr kritische 
Sicht auf den 12-Stunden-Tag. Wir mei-
nen zwar nicht, dass die Welt untergeht, 
wenn jemand einmal zwölf Stunden ar-
beitet, aber passiert das mehrere Tage hin-
tereinander und womöglich sogar noch 
nachts, dann kann das sehr kritisch wer-
den. Ich denke aber, dass Unternehmen 
auch wissen, dass 12-Stunden-Tage oft 
sehr lange und unproduktive Tage sind. 
Niemand kann zwölf Stunden lang ge-
nauso arbeiten wie acht Stunden. 
Und was die gefährlichen Arbeits-
stoe betrit: Das ist zwar nicht mein 
Spezialgebiet, aber zum 12-Stunden-
Tag und den MAK-Werten (maximale Ar-
beitsplatz-Konzentration, Anm.) gibt es 
meines Wissens kaum Studien bzw. 
überhaupt noch keine gesicherten Er-
gebnisse. Das sollte man dringend nach-
holen und ansonsten äußerst vorsichtig 
vorgehen. Man weiß ja, dass diese Stoe 
schädigen können, aber ob das bei zwölf 
Stunden etwas mehr ist oder ein Vielfa-
ches, ist nicht klar. 
Bei den Krankenanstalten gibt es Dis-
kussionen über Ruhezeiten nach Bereit-
schaftsdiensten. Wie beurteilen Sie das? 
Prinzipiell unterscheiden wir zwischen Ar-
beitsbereitschaft – da ist man vor Ort – 
und Rufbereitschaft, wo man bei Anruf 
nachts, aus dem Bett heraus, auf die Stra-
ße muss. Die Frage ist immer: Wie halte 
ich die Arbeitsbelastung möglichst gering. 
Bei Rufbereitschaft etwa weiß man, dass 
diese Beschäftigten, auch wenn sie die gan-
ze Nacht durchschlafen konnten, schlech-
ter schlafen. Wenn der Schlaf tatsächlich 
gestört wurde, dann sollte dieser so bald 
wie möglich nachgeholt werden können.
Im Alltag ist das oft eine Gratwande-
rung, etwa bei Ärzten, deren OP-Plan 
für den nächsten Tag dann völlig durch-
einanderkommen würde. Da stellt sich 
dann die Frage, was die größere Belas-
tung ist: dass sämtliche Termine über 
den Haufen geworfen werden oder der 
Schlafmangel? Aber die jetzt diskutier-
ten fünf Stunden Ruhezeit erscheinen 
mir eindeutig zu kurz. Die Frage ist na-
türlich auch, wie oft das vorkommt. 
Vieles kann man durchaus schon einmal 
machen, aber wenn es laufend passiert, 
dann wird es ein Problem.
Welche Arbeitszeitregelungen gibt es bei 
XIMES?
Software-Entwicklung und Büro haben 
einen sehr großen Gleitzeitrahmen. Un-
sere BeraterInnen machen sich die Ter-
mine ja ohnehin mit den KundInnen aus. 
Generell gibt es nur wenige Termine, bei 
denen es mir ein Anliegen ist, dass jemand 
auch anwesend ist, zum Beispiel bei der 
Software-Besprechung. Ab und zu ma-
chen wir ein Bürofrühstück, wo wir 
möchten, dass alle zusammenkommen. 
Ansonsten versuchen wir den Mitarbei-
terinnen und Mitarbeitern so weit wie 
möglich entgegenzukommen, sowohl 
was das Arbeitsvolumen betrifft als auch 
den Ort. Ein Mitarbeiter, der mit einer 
Brasilianerin verheiratet ist, hat auch 
schon einmal einen Monat von Brasilien 
aus gearbeitet.
Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin
afadler@aon.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
„In Österreich haben wir eine relativ hohe 
Pausenkultur und gute Kantinen.“
Johannes Gärtner
21Arbeit&Wirtschaft 2/2019
        

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