Full text: Wie viel darf’s denn sein? (2)

22 Arbeit&Wirtschaft 2/2019
D
as wohl Augenscheinlichste an der 
österreichischen Debatte zum 
Thema Arbeitszeit ist der Mangel 
an Wertschätzung gegenüber den 
ArbeitnehmerInnen. Auf den Punkt ge-
bracht: Es fehlen die zentralen drei „A“: 
Anerkennung, Abgeltung und Fort-
schritte bei der Autonomie zur Arbeits-
zeitgestaltung.
Die Beschäftigten in Österreich ar-
beiten jetzt schon länger als die meisten 
anderen in Europa. Im Jahr 2017 etwa 
kamen Vollzeitbeschäftigte auf durch-
schnittlich 41,3 Stunden Wochenar-
beitszeit. Das sind nach Großbritannien 
und Zypern die drittlängsten Arbeits-
zeiten von Vollzeitbeschäftigten. Die 
ArbeitnehmerInnen in Österreich leis-
ten somit viel – ob am Tag oder in der 
Nacht, während der klassischen Ar-
beitswoche oder an den Wochenenden, 
im Freien oder drinnen, bei Hitze oder 
bei Kälte. Sie sind dabei auch noch 
hoch produktiv, wie internationale Ver-
gleichsstudien bestätigen. Das ist alles 
keine Selbstverständlichkeit – sollte 
man meinen.
Eigentlich würde man sich erwar-
ten, dass dieser hohe Arbeitseinsatz 
mehr Anerkennung in den Unterneh-
men erfahren sollte. In den jüngsten 
Lohn- und Gehaltsrunden haben die 
Gewerkschaften besonders stark auf die 
erbrachten Leistungen hingewiesen und 
auch beachtliche Abschlüsse erzielt. 
Gleichzeitig ist der Befund zulässig, 
dass solche Verhandlungen nicht das 
kompensieren können, was mit 1. Sep-
tember 2018 Gesetz geworden ist: näm-
lich die Ausweitung der Höchstarbeits-
zeiten, die einen generellen 12-Stun-
den-Tag bzw. eine generelle 60-Stun-
den-Woche ermöglichen. Ist eine Aus-
weitung der Arbeitszeit nicht eine son-
derbare Art des „Danks“ für die geleis-
tete Arbeit von 3,7 Millionen Arbeit-
nehmerInnen?
Übler Zynismus 
Seit Jahresbeginn 2019 liest man nun 
öfter, dass die Unternehmen von den 
neuen Höchstarbeitszeiten ohnedies kei-
nen Gebrauch machten. Alles also beim 
Alten? Von wegen! Der Druck auf die 
ArbeitnehmerInnen hat noch stärker zu-
genommen! Neben oft unglaublichen 
Einzelschicksalen, mit denen sich die 
Rechtsberatung der Arbeiterkammer be-
schäftigt, und der Verbreitung von neu-
en Musterverträgen sind die Versuche 
von teils großflächigen Anpassungen 
von Betriebsvereinbarungen auffällig. 
Die Dunkelziffer der Rechtsverstöße ist 
logischerweise höher als die Zahl der an-
hängigen Rechtsfälle. Wer möchte schon 
in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit sei-
nen/ihren Arbeitsplatz aufs Spiel setzen 
und im aufrechten Arbeitsverhältnis den 
Rechtsweg beschreiten? 
Faktum ist: Eine Ausweitung der 
Arbeitszeiten ndet schleichend – aber 
in bereits sichtbarer Weise – statt. Die 
gelebte Realität von oft überlangen Ar-
beitszeiten ist nun im Gegensatz zu frü-
her auch rechtlich gedeckt: Was früher 
eine Überschreitung der Arbeitszeit-
grenze war, ist heute „Normalität“.
Nicht minder zynisch ist der Hin-
weis auf die Freiwilligkeit, wenn es um 
die Leistung von mehr als 10 Stunden 
täglich oder mehr als 50 Stunden wö-
chentlich geht. Bedenkt man die im Ar-
beitsverhältnis grundsätzlich bestehen-
de persönliche und wirtschaftliche Ab-
hängigkeit vom Arbeitgeber, ist es mehr 
als fraglich, wie weit die Freiwilligkeit 
tatsächlich reichen kann. Mehrmalige 
Ablehnungen könnten durchaus lang-
fristige Folgen haben, etwa wenn es um 
Beförderungen oder aber um Rationali-
sierungsmaßnahmen geht. Da ändert es 
auch nichts daran, wenn ein Benachtei-
ligungsschutz hinsichtlich Entgelt, Auf-
stiegsmöglichkeiten und Versetzungen 
im Gesetz verankert oder die Möglich-
keit geschaen wurde, eine wegen der 
Ablehnung solcher Überstunden erfolg-
te Kündigung binnen zwei Wochen bei 
Gericht anzufechten. 
Ungewürdigte Leistung
Abzuwarten bleibt, ob sich wenigstens 
die Zahlungsmoral der Unternehmen 
bei Mehr- und Überstunden verbessert. 
Sie kann auch ein Indikator dafür sein, 
wie sehr die Leistung der Beschäftigten 
in diesem Land gewürdigt wird. Gleich-
zeitig zeigt er aber auch die Machtver-
hältnisse auf: In heimischen Unterneh-
men bleibt von den jährlich geleisteten 
Mehr- und Überstunden (das sind rund 
250 Millionen Stunden) etwa jede fünf-
te unvergütet. Zwischen 40 und 50 Mil-
lionen (!) Stunden werden jährlich also 
weder in Zeit noch in Geld abgegolten. 
Das entspricht einem Einkommensent-
fall von rund einer Milliarde Euro pro 
Debatte ohne Triple-A 
Die ArbeitnehmerInnen in Österreich leisten viel und sind dabei auch noch hoch 
produktiv. In der Debatte fehlt vor allem die Wertschätzung ihnen gegenüber.
Adi Buxbaum, Christian Dunst
Abteilung Sozialpolitik der AK Wien
        

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