Full text: Wie viel darf’s denn sein? (2)

Arbeit&Wirtschaft 2/2019 5
Falsch an der 
Uhr gedreht
W
er lacht nicht gern über die 
schlimmen Sachen, die Paul-
chen Panther immer wieder 
von Neuem einfallen. Weniger 
Grund zum Lachen geben allerdings je-
ne schlimmen Dinge, die die türkis-
blaue Regierung im Herbst in Sachen 
Arbeitszeit in Gesetzesform gegossen 
hat. Denn anders als beim rosaroten 
Panther sind sie nicht nur Farb und Pin-
selstrich, sondern haben für die Arbeit-
nehmerInnen ganz handfeste negative 
Konsequenzen. Zugleich sind sie so re-
tro, wie es die pinke Katze ist, die An-
fang der 1960er-Jahre in den USA das 
Licht der Öffentlichkeit erblickte. Wenn 
man so will, hat die türkis-blaue Regie-
rung die Uhr sogar noch viel weiter zu-
rückgedreht, denn der 8-Stunden-Tag 
ist immerhin eine Errungenschaft, die 
in Österreich dieses Jahr ihren hunderts-
ten Geburtstag gefeiert hätte. 
Wer sich mit dem Thema Arbeitszeit 
einmal ausführlich beschäftigt und die 
Meinung von ExpertInnen aufmerksam 
gelesen hat, kann über den 12-Stunden-
Tag nur den Kopf schütteln. Denn wenn 
es einen Punkt gibt, in dem sich wirk-
lich alle einig sind, dann ist es dieser: Es 
ist allerhöchste Zeit für eine Arbeitszeit-
verkürzung. Dafür gibt es viele gute 
Gründe. Stattdessen aber hat die Regie-
rung die Uhren zurückgedreht. 
So ist die Arbeitszeitverkürzung 
eine gute Maßnahme, um Arbeitslosig-
keit zu bekämpfen. Und auch wenn 
Österreich im EU-Vergleich in der 
Hinsicht gar nicht so schlecht dasteht, 
so verdienen es jene Arbeitslose, die 
dieses Schicksal oftmals schon sehr lan-
ge erleiden, dass man alles daransetzt, 
dass sie wieder Arbeit finden. Es ist im 
Grunde wenig überraschend, dass eine 
Regierung mit Beteiligung der FPÖ 
hier einen anderen Weg geht, nämlich 
jenen der Stigmatisierung von Arbeits-
losen. Allerdings passt es auch zur neu-
en Linie der türkisen ÖVP, die den In-
teressen der Arbeitgeber klar und deut-
lich Vorrang einräumt. Dass es aber 
nicht genug Jobs gibt, es also bei vielen 
Arbeitslosen gar keine Frage des Wol-
lens ist, sondern vielmehr des mangeln-
den Angebots: Das wird allzu gerne 
unter den Tisch gekehrt. 
Zurück an den Herd?
Retro ist die Arbeitszeitverlängerung aber 
nicht nur in arbeitsmarktpolitischer Hin-
sicht, sondern auch was die Gleichstel-
lung der Geschlechter betrifft. Denn es 
ist ebenfalls wissenschaftlich erwiesen, 
dass längere Arbeitszeiten dazu führen, 
dass sich die traditionelle Arbeitsauftei-
lung zwischen Mann und Frau verstärkt. 
Das hängt mit einer weiteren Baustelle 
zusammen, die Türkis-Blau nicht angeht: 
mehr Kinderbetreuungs- und Pflegeein-
richtungen. Solange es kein entsprechen-
des Angebot gibt, bleibt es an den Frauen 
hängen, sich dieser Familienarbeiten an-
zunehmen. Das hat nicht immer damit 
zu tun, dass die jeweiligen Paare traditio-
nelle Rollenvorstellungen haben. Viel-
mehr stecken meist finanzielle Abwägun-
gen dahinter: Da Frauen nach wie vor 
weniger verdienen, lässt sich der Ausfall 
ihres Einkommens – ob zur Gänze oder 
zum Teil – meist leichter verkraften. 
Es steht also zu befürchten, dass die 
Uhren in Sachen Familienarbeit wieder 
zurückgedreht werden. Der springende 
Punkt dabei ist die von der Regierung so 
hochgehaltene, aber keineswegs gewähr-
te Freiwilligkeit: Wenn Mann und Frau 
sich frei entscheiden können, wie sie die 
familieninterne Arbeitsaufteilung gestal-
ten wollen, ist auch gegen eine traditio-
nelle Aufteilung nichts einzuwenden. 
Wenn die Menschen und insbesondere 
die Frauen aber keine andere Wahl ha-
ben, so ist das völlig inakzeptabel. 
Auch das ist ein weiterer problemati-
scher Punkt bei der von der Regierung 
durchgeboxten Arbeitszeitverlängerung: 
Sie widerspricht den Wünschen der 
Menschen, denn diese weisen eindeutig 
in Richtung Arbeitszeitverkürzung. Wer 
lange Arbeitszeiten hat, wünscht sich 
kürzere, wer Teilzeit arbeitet, will mehr 
Stunden. Ganz zu schweigen von den 
handfesten negativen Folgen für die Ge-
sundheit, die lange Arbeitszeiten haben. 
Höchste Zeit also, die Uhren wieder 
vorzustellen, und zwar in Richtung ei-
ner menschenwürdigen Regelung der 
Arbeitszeit. 
Standpunkt
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Arbeit&Wirtschaft
        

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