Full text: 100 Jahre ganz Ohr (3)

6 Arbeit&Wirtschaft 3/2019 7Arbeit&Wirtschaft 3/2019 Als im Mai 1919 das Betriebsratsgesetz verabschiedet wurde, hatte man den Betriebsrat als Gremium konzipiert, dessen Mitglieder die Interessen der ArbeitnehmerInnenschaft gemeinsam vertreten. In der Realität etablierten sich oftmals Betriebsratskaiser. Das ändert sich inzwischen: Um den Teamgedanken zu stärken, bietet die Gewerkschaft Unterstützung an. Text: Alexia Weiss Fotos: Michael Mazohl 100 Jahre ganz Ohr Übungen wie jene mit dem Spinnennetz helfen, den Teamgeist im Betriebsrat zu stärken und aus EinzelkämpferInnen TeamspielerInnen zu machen. Schissler und seine TrainerkollegInnen sondieren im Vorfeld des Seminars, worin das Pro- blem in dem konkreten Betriebsratsgre- mium besteht. Oft ist es eine Übergabe vom bisherigen an den neuen Vorsitzen- den. Häufig gibt es auch ein Kommuni- kationsproblem unter den Mitgliedern des Betriebsrats. Dieses wird dann mit einem Mix von erlebnispädagogischen Übungen und anschließendem Überlei- ten zu Lösungsansätzen bearbeitet. Am Ende der Klausur wird der weitere Fahr- plan festgelegt, der Ziele definiert. Gewinn für alle Die Resonanz von jenen BetriebsrätIn- nen, die bereits einen solchen Workshop absolviert haben, sei positiv, erzählt Schissler. „Fast immer hat sich danach die Arbeitsteilung und die Arbeitsstruktur verändert. Am Ende gewinnen alle.“ Als vor 100 Jahren, im Mai 1919, das Betriebsrätegesetz verabschiedet wurde, stand genau dieser kollektivisti- sche Gedanke hinter der Konstruktion einer ArbeitnehmerInnenvertretung in den Betrieben, betont Martin Müller, Leiter des Referats Rechts- und Kollek- tivvertragspolitik im ÖGB. „Es war klar, dass die ArbeitnehmerInnenschaft in ih- rer Gesamtheit ihre Rechte nicht wahr- nehmen kann, sondern Vertreter braucht.“ Dass diese VertreterInnen nach der Intention des Gesetzes, das inzwischen Teil des Arbeitsverfassungsgesetzes ist, bis heute die Kollektivinteressen der ge- samten Belegschaft zu vertreten haben, sei allerdings vielen nicht mehr bewusst, kritisiert der Jurist. Zutage gebracht Z wischen zwei Bäumen wird aus Schnüren eine Art Spinnennetz ge- knüpft. Die Stricke trennen zehn Bereiche voneinander ab und bieten damit zehn Möglichkeiten, durch das Netz von der einen Seite der Bäume auf die andere Seite zu steigen. Zehn Men- schen, oft nur Männer, bisweilen auch Frauen, stehen davor und beraten. Ge- meinsam müssen sie eine Strategie ausar- beiten, wie einer nach dem anderen durch eines der Fenster im Netz auf die andere Seite gelangt. Manches Mal wird das aus eigener Kraft gelingen, meist werden die ande- ren mithelfen müssen und ihre Team- kollegInnen durch das Netz durchrei- chen. Die Problemstellung ist eine sehr komplexe: Wer macht den Anfang, wenn noch niemand auf der anderen Seite steht? Wer steigt als Letzter oder Letzte durch das Netz? Wenn jede Öff- nung nur von einer Person genutzt wer- den darf: Wer passt wo durch, wer braucht dabei welche Hilfestellung? Zu- dem darf keine der Schnüre bei all die- sen Manövern berührt werden, sonst heißt es: Zurück zum Start. Teamgeist beleben Peter Schissler, Bundessekretär für Bil- dung und Personalentwicklung der Pro- duktionsgewerkschaft (PRO-GE), eta- blierte in den vergangenen Jahren Work- shops, in denen Erlebnispädagogik großgeschrieben wird, für BetriebsrätIn- nen, die von der PRO-GE betreut wer- den. Er selbst hat die Ausbildung zum Diplomierten Outdoor-Trainer vor rund zehn Jahren absolviert. Inzwischen wurden KollegInnen, meist betreuende SekretärInnen, ebenfalls zu TrainerIn- nen ausgebildet, 16 weitere sind gerade in Ausbildung. COVERSTORY

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