Full text: 100 Jahre ganz Ohr (3)

8 Arbeit&Wirtschaft 3/2019 9Arbeit&Wirtschaft 3/2019 habe das in den vergangenen Jahren aus- gerechnet das Bemühen um eine gender- gerechte Sprache. Nun ist auch in Be- trieben und Gewerkschaften die Rede von BetriebsrätInnen. „Der Betriebsrat ist aber immer das Kollegialorgan. Wenn ich die Einzelperson meine, ist das das Betriebsratsmitglied“, findet der Ge- werkschafter. In der Wahrnehmung der Beschäf- tigten ist jedoch auch die Aufgabenstel- lung von Betriebsratsmitgliedern eine andere als die eigentlich intendierte. „Sie gehen zu ihrem Betriebsrat wie zum Klassensprecher. Das ist das einzelne Mitglied aber nicht, auch nicht der oder die Vorsitzende“, bedauert Müller. „Die einzelnen Betriebsratsmitglieder sind eben nicht die AnwältInnen der einzel- nen ArbeitnehmerInnen. Ganz im Ge- genteil. Es geht nicht um Partikularinte- ressen, es geht um das Kollektivinteres- se. Und das haben alle Betriebsratsmit- glieder gemeinsam wahrzunehmen.“ Müller illustriert das ideale Wirken von Betriebsräten mit Sportarten, bei denen ein Ball über ein Netz gespielt wird. „Viele begreifen die Betriebsratsar- beit als Tennisspiel. Die SpielerInnen bestreiten dabei das Match alleine, auch wenn sie etwa Teil des Davis Cup Teams sind, sind sie doch EinzelkämpferInnen. Die eigentliche Absicht des Betriebsräte- gesetzes war aber, dass der Betriebsrat ein Volleyballteam ist, das gemeinsam versucht, den Ball im Spiel zu halten und über das Netz zu bringen. Es kann im Betriebsrat unterschiedliche Fraktio- nen geben, aber am Ende ist es ein Be- triebsrat.“ Historische Ursprünge Entstanden ist die Idee, Betriebsräte zu formieren, aus der Rätebewegung, erzählt Müller. Tatsächlich waren die Arbeiterrä- te, die sich in Österreich während des Jännerstreiks 1918 bildeten, eine Mas- senorganisation. Sie wirkten allerdings außerhalb der Fabriken und Betriebe. Die sozialdemokratische Partei wollte sie auch innerhalb der Unternehmen verankern. Dem lag das Bestreben zugrunde, die Wirtschaft zu sozialisieren, wie der inzwi- schen bereits verstorbene Zeithistoriker Hans Hautmann in einem 2009 erschiene- nen Beitrag zur Bedeutung des Betriebs- rätegesetzes in den Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft festhielt. Müller ergänzt, dass die Schaffung von Betriebs- räten realpolitisch „ein Zugeständnis an die Bürgerlichen war, weil sie Angst hat- ten, dass die Arbeiter, die die Fabriken zum Teil schon besetzt hatten, diese ent- eignen würden“. Geschulte Vertrauensmänner Das Betriebsrätegesetz wurde im We- sentlichen vom sozialdemokratischen Politiker, Theoretiker und Vordenker Otto Bauer (1881–1938) entworfen. Er legte die Rolle der Betriebsräte wesent- lich größer an, als sie heute gelebt wird. „Nur in allmählicher Entwicklung, all- mählicher Selbsterziehung in der Praxis der Betriebsratstätigkeit wird die Arbei- terschaft aus ihrem Schoße einen Stab geschulter Vertrauensmänner hervor- bringen können, der zur vollen Ausnüt- zung der neuen Institution befähigt sein wird. Diese Selbsterziehung der Arbei- terschaft in der und durch die Betriebs- ratspraxis schafft aber erst die Vorausset- zungen einer sozialistischen Produkti- onsverfassung“, schrieb Bauer 1923 in seinem Buch „Die österreichische Revo- lution“. Die Sozialdemokratie wollte da- mals Betriebe nicht verstaatlichen, wie dies nach 1945 geschah, sondern „sozi- alisieren“ – ein Begriff, der heute etwas aus der Zeit gefallen scheint, beziehungs- weise anders verwendet wird. Dem lag zwar auch der Wunsch der Enteignung von Eigentümerinnen von Groß- und Schwerindustrie zugrunde. Das Geld für die Entschädigung sollte aber nicht der Staat (beziehungsweise die Steuerzahle- rInnen) aufbringen, sondern alle so ge- nannten KapitalistInnen und Grundei- gentümerInnen über eine progressive Vermögensabgabe. Heute steht die konkrete Vertretung der Interessen der ArbeitnehmerInnen im Mittelpunkt der Betriebsratsarbeit. Müller würde sich aber wünschen, dass die gesamtgesellschaftliche Perspektive wieder stärker eingenommen wird. Ein gutes Beispiel sei der Klima- wandel. „Eigentlich braucht es den Kohleausstieg sofort. Dennoch setzen sich ArbeitnehmervertreterInnen in Deutschland für den Erhalt des Kohle- abbaus ein, weil es um Arbeitsplätze geht.“ Hier stünden Partikularinteres- sen dem Kollektivinteresse entgegen. „Das zeigt sich aber nicht nur beim Kohleabbau. Wir müssen uns auch die Frage stellen: Geht unsere Art der Wirt- schaft noch oder wie lange geht sie so noch? Und wenn wir immer glauben, es wird schon noch so gehen, gibt es ir- gendwann den Punkt, an dem es nicht mehr geht?“ Müller macht klar: Es gehe eben nicht nur um den jährlichen Lohnab- schluss, „sondern auch um den Um- gang mit Ressourcen, die Frage, wie belastbar der Mensch ist, um das Leer- fischen der Meere, Nachhaltigkeit, aber auch die Auswirkungen von Waffenex- porten. Ich bin der Ansicht, das sind alles gewerkschaftliche Fragen.“ Klares Ergebnis Schisslers Erfahrungen mit Betriebsrä- tInnen, die mithilfe von Erlebnispäda- gogik lernten, sich als Team zu begreifen, sprechen hier eine klare Sprache. „Wir merken, dass die Betriebsratsmitglieder, die an einer solchen Klausur teilgenom- men haben, im Anschluss vermehrt Kur- se absolvieren. Sie beteiligen sich mehr an gewerkschaftlichen Maßnahmen, auch an Kampfmaßnahmen, wenn es um den Kollektivvertrag geht.“ „Wir müssen uns auch die Frage stellen: Geht unsere Art der Wirtschaft noch oder wie lange geht sie so noch?“ Martin Müller, Leiter des Referats Rechts- und Kollektivvertragspolitik im ÖGB „Es geht um die Vertretung der Gesamtinteressen der erwerbstätigen Bevölkerung.“ Martin Müller

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