Full text: 100 Jahre ganz Ohr (3)

10 Arbeit&Wirtschaft 3/2019 11Arbeit&Wirtschaft 3/2019 Doch auch von Unternehmensseite wer- den Betriebsräte durchaus positiv gesehen. Seit 2004 führt die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Arbeits- und Lebens- bedingungen (Eurofound) regelmäßig eine Europäische Unternehmenserhebung durch. Die jüngste Erhebung stammt aus dem Jahr 2013, dafür wurden in Öster- reich 972 VertreterInnen der Unterneh- mensführung und 453 Betriebsratsmit- glieder befragt. Die Mehrzahl der befrag- ten ManagerInnen schätzt die Arbeit des Betriebsrats, betont die Politologin Ursu- la Filipic von der Abteilung Sozialpolitik der AK Wien. 95 Prozent der ManagerInnen gaben demnach an, dass aus ihrer Sicht dem Betriebsrat vertraut werden kann. 92 Prozent bejahten, dass die Einbindung des Betriebsrats zu mehr Engagement der MitarbeiterInnen führe, und 86 Prozent meinten, dass der Betriebsrat helfe, die Arbeitsleistung im Betrieb zu verbessern. Studien aus Deutschland, die zeigen, dass Unternehmen mit Be- triebsrat auch wirtschaftlich erfolgrei- cher sind als solche ohne, untermauern diese Befragungsergebnisse. Politischer Gegenwind Das steht allerdings dem politischen Dis- kurs entgegen, in dem, wie AK-Direktor Christoph Klein kritisiert, „Betriebsräte und die sie tragende Gewerkschaftsbe- wegung von neoliberalen Meinungsma- chern gerne als altmodisch, rückschritt- lich, Verhinderer und Betonierer – kurz als unzeitgemäß und überholt“ – darge- stellt würden. Das scheint allerdings nie anders gewesen zu sein. Denn AK-Grün- der Ferdinand Hanusch (1866–1923) sag- te einst: „Es gab noch keine Zeit, in der über die sozialpolitischen Lasten nicht gejammert wurde. Nicht nur die Unter- nehmer, sondern auch die ganze bürger- liche Presse jammern, die Volkswirt- schaft könne sich nicht wieder erheben, die sozialen Lasten erschlügen die Indus- trie. Auch die gegenwärtige Regierung hat sich diesen Standpunkt zu eigen ge- macht, die Volkswirtschaft stehe auf der Kippe, noch ein kleines Quäntchen Be- lastung, und sie gehe dem Untergang entgegen.“ Österreich nahm mit seinem Betriebs- rätegesetz im internationalen Vergleich eine Vorreiterrolle in Sachen betrieblicher Mitbestimmung ein. „Die Unternehmer beugten sich damals aus Angst vor einem möglichen Nachvollziehen des Beispiels der im Frühjahr 1919 in Ungarn und München errichteten Räterepubliken schwerwiegenderen Eingriffen in ihre Herrenrechte, als dies bei späteren Be- triebsrätegesetzen anderer Staaten, bei- spielsweise 1920 in Deutschland und 1921 in der Tschechoslowakei, der Fall war, schrieb Historiker Hautmann. Die Intention des Gesetzes hat sich bis heute nicht geändert. War die Funktionsperio- de zunächst nur für ein Jahr vorgesehen, ist sie inzwischen allerdings – in Anleh- nung an die Periode des Nationalrats – fünf Jahre lang. In der Diktatur abgeschafft Die Betriebsräte waren übrigens eine der Errungenschaften, die diktatorische Re- gimes in Österreich, Italien, Deutschland bald nach ihrer Machtübernahme außer Kraft setzten. In Österreich gab es zwi- schen 1934 und 1945 keine Betriebsräte. Diese Form der Mitbestimmung ist also nicht selbstverständlich, auch wenn es vielen heute so erscheint. Am besten funktioniert die Betriebs- ratsarbeit, wenn sich nicht nur die ein- zelnen Betriebsratsmitglieder, sondern alle Beschäftigten einbringen, ist Martin Müller überzeugt. „Wir müssen den Be- triebsrat so begreifen, dass er nur han- deln kann, wenn ich mich auch für das Kollektivinteresse einsetze und einbrin- ge. Es ist nicht so, dass ich jemanden wähle, und der tut dann für mich. Ich muss mich auch selbst für die Gesamtin- teressen einsetzen. Wenn sich dieses Be- wusstsein wieder durchsetzt, führt das auch insgesamt zu einer Stärkung der Demokratie. Die Rätebewegung bedeu- tete die Selbstorganisation der Men- schen. Das gilt es wieder zu begreifen.“ Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin alexia.weiss@yahoo.com oder die Redaktion aw@oegb.at Aber auch diese Perspektive geht Müller noch nicht weit genug. Im Idealfall soll- te es nämlich nicht nur um die Vertretung der Interessen von LehrerInnen, Polizis- tInnen oder LokführerInnen gehen. „Es geht um die Vertretung der Gesamtinte- ressen der erwerbstätigen Bevölkerung. Branchenkollektivverträge machen Sinn, wenn sie Spezifika in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen berücksichtigen. Ide- al wäre es aber, wenn der Betriebsrat nicht nur das eigene Unternehmen und die einzelne Gewerkschaft beziehungsweise nicht nur ihre Branche im Blick hat.“ Nämliches gelte auch innerhalb des Betriebsrats. Es sei eben nicht so, dass eine Abteilung dann quasi ihren Vertre- ter oder ihre Vertreterin in dem Gremi- um sitzen habe. Dieses Denken führe auch dazu, dass die Betriebsratsmitglie- der zwischen Partikular- und Kollek- tivinteressen zerrieben würden. Aus- tausch im Sinn aller wäre hier der bes- sere Weg. Wichtiger Perspektivenwechsel „Turmbau“ nennt sich eine Übung, mit der Schissler seinen KlausurteilnehmerIn- nen vor Augen führt, dass Aufgaben oft nur zu lösen sind, wenn man sie aus den verschiedensten Perspektiven betrachtet. Mit einem Hebegerät, das über Schnüre bedient wird, müssen die TeilnehmerIn- nen aus Bauklötzen einen Turm bauen. Von jeder Position aus hat man dabei ei- nen anderen Blick – aber nur das Berück- sichtigen aller Blickwinkel erlaubt schließ- lich das erfolgreiche Errichten des Turms. Umgelegt auf die Betriebsratsarbeit, be- deute das: „Die Mitglieder sind auf die Führung angewiesen, aber jeder bringt andere Perspektiven ein“, so der PRO- GE-Bundessekretär. Österreichweit gab es laut ÖGB mit Ende 2017 7.814 Be- triebsräte mit insgesamt 36.193 Mitglie- dern, davon 24.073 männlich und 12.120 weiblich. Je größer die Belegschaft eines Unternehmens ist, desto wahrscheinli- cher ist zudem, dass es einen Betriebsrat gibt. Die in Österreich stark vertretenen Klein- und Mittelbetriebe haben oft kei- ne ArbeitnehmerInnenvertretung. In drei Vierteln der Betriebe mit mehr als 200 Beschäftigten gibt es jedoch eine Beleg- schaftsvertretung. In Unternehmen mit mehr als 500 MitarbeiterInnen sind es weit über 90 Prozent, in Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten gibt es zu 100 Prozent einen Betriebsrat. Teamentscheidungen Im Jahr 2015 hat das Meinungsfor- schungsinstitut IFES im Auftrag der Ar- beiterkammer Wien eine repräsentative Befragung von 2.401 unselbstständig Beschäftigten und 500 Betriebsratsmit- gliedern zur betrieblichen Mitbestim- „Die Mitglieder sind auf die Führung angewiesen, aber jeder bringt andere Perspektiven ein.“ Peter Schissler, Bundessekretär PRO-GE mung in Österreich durchgeführt. Dabei wurde auch der Arbeitsstil der Betriebsrä- tInnen in den Fokus gerückt. Demnach gaben 70 Prozent der Befragten an, dass Entscheidungen in Diskussionen des Be- triebsratsgremiums getroffen werden. Nur drei Prozent meinten, der oder die Vorsit- zende gebe allein die Richtung vor. Die viel zitierten „Betriebskaiser“ sind dem- nach auf dem Rückzug. Der Kollektivge- danke scheint nicht gänzlich verloren. Dass die Betriebsratsarbeit immer noch eine männlich dominierte Bastion ist, ist laut dieser IFES-Umfrage vor allem dem Thema Vereinbarkeit von Be- ruf und Familie geschuldet. 57 Prozent der befragten Beschäftigten nannten als Hindernis für eine Kandidatur die Sorge vor zeitlicher Überlastung. Grundsätz- lich weiß aber die Mehrheit der Beschäf- tigten, wie wichtig der Betriebsrat ist. Für 93 Prozent der befragten Arbeitneh- merInnen ist das Vorhandensein dieses Vertretungsorgans sehr wichtig (62 Pro- zent) oder wichtig (31 Prozent). „Wir müssen den Betriebsrat so begreifen, dass er nur handeln kann, wenn ich mich auch für das Kollektivinteresse einsetze und einbringe.“ Martin Müller

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.