Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1976 Heft 3 (3)

fragen: Was ist denn eigentlich gesell¬
schaftliche Ungleichheit? Peter Kreisky
reduziert das Problem auf die Ein¬
kommensungleichheit. Nur auf Seite 55
oben erwähnt er, daß eigentlich auch
politische und wirtschaftliche Refor¬
men zur Beseitigung der gesellschaft¬
lichen Ungleichheiten nötig wären. Er
stellt damit das Problem auf den Kopf.
Gesellschaftliche Ungleichheit besteht
zuallererst in politischer und wirt¬
schaftlicher Ungleichheit, und das Ein¬
kommen ist sozusagen nur eine Stör¬
größe und nicht mehr. Man denke nur
an einen Primarius. Er kann ein Mehr¬
faches eines Spitzenpolitikers verdie¬
nen, sein politischer Einfluß ist prak¬
tisch Null; dafür hat er doch gar keine
Zeit.
Vermutlich weil bei Peter Kreisky
das Einkommen als wesentlicher Fak¬
tor gilt, stört es ihn nicht, daß bei der
Definition der Sozialschichten die Be¬
rufspolitiker, die Spitzen der Inter¬
essenvertretungen und die Journali¬
sten nicht vorkommen.
Würden die Einkommensungleich¬
heiten identisch mit den gesellschaft¬
lichen Ungleichheiten (man verwechsle
nicht mit dem privaten Begriff Gesell¬
schaft) sein, so wäre das eine böse
Sache. Das hieße doch, daß von Gene¬
ration zu Generation die politische
Macht und der Einfluß darauf von
immer weniger Menschen ausgeübt
wird. Das gleiche gilt auch für die wirt¬
schaftliche Macht und Einflußnahme
darauf. Allerdings will die übergroße
Mehrheit ihre politischen und wirt¬
schaftlichen Interessen (und damit den
Einfluß darauf) gar nicht selbst ver¬
treten und delegiert sie an Parteien
und Verbände. Oft nur an Zwischen¬
glieder. Die sagen dann in großen zeit¬
lichen Abständen »Ja« zu allem, was
von den Einflußreichen gemacht wurde.
Die Einflußreichen selbst sind natür¬
lich mit dieser Lage zufrieden. Aus
eigenem Antrieb werden sie gewiß
nichts daran ändern. Damit werden die
gesellschaftlichen Ungleichheiten im¬
mer größer. Bedenklicher ist aller¬
dings, daß dabei auch die Entfernung
von der Demokratie wächst. Solange
sich die Gesellschaftsreformer begnü¬
gen, im verschieden hohen Einkommen
die gesellschaftliche Ungleichheit zu
sehen, wird sich an der Entfernung
von der Demokratie nichts ändern.
Die beiden weiteren Tabellen
der Anmerkung 35 des Aufsatzes
Ihre erste Betrachtung führt zu fol¬
gendem Ergebnis:
a) Die Söhne steigen leichter aus der
»Unterschicht« in die »Oberschicht«, als
die Väter es taten. Bei den Vätern
waren es 9 Prozent, bei den Söhnen
sind es schon 14 Prozent.
b) Die Söhne bleiben schwerer in
der »Oberschicht«, als das bei ihren
Vätern noch war. Bei den Vätern wa¬
ren es noch 58 Prozent, bei den Söhnen
sind es nur noch 50 Prozent.
Man ist überrascht. Die Zahlenwerte
der Tabelle 1 der Anmerkung 35, also
der Tabelle b) der Kritik, sagen, daß
von 720 Mitgliedern der »Unterschicht«
nur 23, das sind also 3,2 Prozent, in die
»Oberschicht« aufsteigen. Dieser Wert
ist von 9 oder gar 14 Prozent so weit
entfernt, daß er auch mit den nicht
bekanntenWerten der 15 jüngsten Jahr¬
gänge nicht erklärt werden kann.
Ähnliche Überlegungen gelten für
die anderen Werte der beiden Tabel¬
len. Ohne nähere Erklärungen sind sie
unverständlich. Das trifft übrigens auch
bei der Zeile »Alle« zu.
Zusammenhang zwischen Lohn und
Lebensniveau
Auf Seite 70 des Aufsatzes ist ein im
Jahre 1974 in Schweden erarbeitetes
Diagramm wiedergegeben. Dabei wird
die Bevölkerung vom 15. bis zum
75. Lebensjahr in vier Einkommens¬
gruppen eingeteilt: unter 7 skr/h, von
7 bis 10 skr/h, von 10 bis 15 skr/h und
schließlich alle über 15 skr/h.
Es fehlen die zur Beurteilung not¬
wendigen Hinweise, daß die Fürsorge¬
grenze bei 8 skr/h lag und das mittlere
Einkommen eines schwedischen Arbei-
97
        

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