Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1978 Heft 4 (4)

sehen Länder untereinander wird es kaum möglich sein, daß ein einzelnes Land eine autonome Krisenbekämp¬ fung erfolgreich zu Ende führen kann« (S. 127). In seinem letzten Kapitel »Skepti¬ sches Resümee zur wirtschaftspoliti¬ schen Anwendung« empfiehlt Zinn ne¬ ben den im Verlauf der Analyse erar¬ beiteten Maßnahmen — kurzfristig eine Anhebung der Lohn- und damit der Konsumquote sowie weitere Ar¬ beitszeitverkürzung, langfristig die Sozialisierung der Investitionen und eine gesamtwirtschaftliche Rahmen¬ planung zur Koordinierung der Kapa- zitäts- und Nachfrageentwicklungen — noch den verstärkten Einsatz fiskal¬ politischer Instrumente. Dies vor allem aus zwei Gründen: erstens weil »auf dem heutigen Einkommensniveau der entwickelten kapitalistischen Länder . . . Nachfragelücken . . . am sichersten und schnellsten . . . durch höhere öf¬ fentliche Ausgaben (geschlossen wer¬ den können)« (S. 151); zweitens weil öffentliche Ausgaben — hier etwas zu vereinfacht gleichgesetzt mit öffentli¬ chen Investitionen — langfristig pro¬ duktiver sind als privater Konsum und auch unter verteilungspolitischen Gesichtspunkten höhere Wohlstands¬ effekte aufweisen (S. 151). Sieht man nun die Zinnschen Über¬ legungen in ihrem bundesrepublikani¬ schen Kontext, so unterscheiden sie sich ganz eindeutig von den herrschen¬ den wissenschaftlichen und wirt¬ schaftspolitischen Auffassungen: nicht die Löhne sind zu hoch, sondern die Profiterwartungen; Vollbeschäftigung ist nicht das Ziel, zu dem das Wirt¬ schaftssystem automatisch tendiert und wird auch nicht erreicht durch noch so weitgehende Lohnzurückhal¬ tung, sondern in hochentwickelten ka¬ pitalistischen Gesellschaften wird es, ob die Löhne jetzt hoch sind oder nied¬ rig, tendenziell immer schwieriger, ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht zu er¬ reichen. So sehr man diesen Aussagen zustimmen kann, so wörtlich muß man bezüglich der daraus gezogenen Schlußfolgerungen den schon zitierten Titel des dazugehörigen Kapitels neh¬ men: »Skeptisches Resümee.« Skepti¬ zismus ist hier wohl angebracht. Denn Zinn versucht leider nicht, seine — im sozialistischen und keynesianischen Sinn schon fast traditionellen — Vor¬ schläge zu problematisieren, das heißt die Schwierigkeiten und Grenzen ihrer Anwendung zu diskutieren. Insgesamt bleiben seine wirtschaftspolitischen Aussagen auf einem allzu einfachen abstrahierenden Niveau. Betrachten wir die Vorschläge im einzelnen. Eine Erhöhung der Kon¬ sumquote könnte sicher für einige Zeit den Wirtschaftsprozeß zu einer Blüte alten Stils mit hohen Wachstumsraten bringen. Aber Anfang der siebziger Jahre, als dieser Zustand gegeben war, wurde viel diskutiert über die not¬ wendige Begrenzung von Wachstum und Konsum. Der Grund dieser Wachs¬ tumsmüdigkeit lag einerseits in öko¬ logischen Überlegungen, anderseits be¬ fürchtete man einen zu rapiden Ver¬ schleiß nicht ersetzbarer Ressourcen. Wenn sich auch seit Anfang der sieb¬ ziger Jahre die wirtschaftliche Situa¬ tion sehr verändert hat, bleiben diese Einwände gegen ein hohes Wachstum dennoch aktuell. Auch scheint Zinn hier anzunehmen, daß jede Nachfrage¬ steigerung, egal in welchen Bereichen sie stattfindet, nur positive Folgen hat. Man hätte wohl erwarten dürfen, daß der Autor etwas über die längst be¬ kannte Feststellung hinausgeht, daß bei einer Umverteilung nach unten die gesamtwirtschaftliche Konsumquote steigt. So wäre etwa interessant, die Frage der Beschäftigungswirkungen verschiedener Nachfragekomponenten zu untersuchen, das Problem der Sät¬ tigungstendenzen oder die Auswirkun¬ gen von Rohstoff- und Energieknapp¬ heit auf das Wachstum näher zu be¬ leuchten. Schließlich wäre es auch sinnvoll, sich mit den langfristigen Entwicklungsperspektiven bei niedri¬ gem Wachstum zu beschäftigen, wie es etwa Helmut Kramer in diesem Heft getan hat.2 429

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