Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1978 Heft 4 (4)

Ein gewisses Unbehagen entsteht
auch, wenn man die Forderung nach
Sozialisierung der Investitionen liest
— nicht weil diese Maßnahme abzu¬
lehnen ist, sondern weil sie ebenfalls
in einer etwas unkritischen Abstrakt¬
heit im Raum stehen bleibt. Nach Zinn
soll »über paritätische Mitbestimmung
und/oder öffentliche Einflußnahme auf
die privaten Investoren (erreicht wer¬
den), daß Gewinne und Fremdkapital
auch dann investiert werden, wenn
sich eine tendenziell sinkende Renta¬
bilität einstellt« (S. 154). Weitergehen¬
de Aussagen finden sich zu diesem
Problem nur insoferne, als Zinn die
Meinung vertritt, daß »Großunterneh¬
men . . . sich unter Lenkungsaspekten
in ihrem Investitionsverhalten leichter
beeinflussen (lassen) als kleine Betrie¬
be« (S. 98).
Konkret scheint dieser Vorschlag
kaum vorstellbar: Großunternehmen
sollen also in privatem Eigentum blei¬
ben, investiert wird jedoch mehr oder
minder unter öffentlicher/staatlicher
Kontrolle, ohne daß auf Profiterwar¬
tungen Rücksicht genommen wird.
Aber nach welchen Kriterien werden
Investitionen vorgenommen? Wie wird
die Wirtschaftlichkeit dieser Unter¬
nehmen überprüft? Wie werden Pro¬
bleme der internationalen Konkurrenz
gelöst? Dies alles sind Fragen, die in
einem Buch mit dem Titel »Der Nie¬
dergang des Profits« zumindest ange¬
schnitten hätten werden müssen; eben¬
sowenig kann man sich ausschweigen
über den zu erwartenden Widerstand
der Privateigentümer.
Zinn spricht zwar nicht von Ver¬
staatlichungen, sondern von Soziali¬
sierung der Investitionen, ohne daß
der Unterschied ganz klar wird, denn
investiert werden soll ja vor allem
bei sinkender oder bei Nullrentabili¬
tät, wozu man die Unternehmen wohl
zwingen müßte. Wenn beide Begriffe
also (fast) das gleiche bedeuten, so
sind sie für die BRD und wohl auch
für Österreich — was weitere Ver¬
staatlichungen anlangt — politisch
derzeit nicht durchführbar. Sehr wohl
aber könnte in beiden Ländern ein
System der Beeinflussung von Inve¬
stitionen insoferne entwickelt werden,
als Anreize beziehungsweise Strafbe¬
stimmungen entweder über das Steu¬
ersystem (etwa nach dem Muster der
schwedischen Investitionsfonds3) oder
über direkte Förderung entwickelt
werden. Hier sollte jedoch angemerkt
werden, daß die österreichischen Er¬
fahrungen nicht gerade für die indi¬
rekte Lösung sprechen.4 Auch hier
wäre natürlich zu klären, wie weit
sich dadurch Großunternehmen und
Multis »kaufen« lassen; wie sehr also
eine antizyklische Konjunktursteue¬
rung dadurch möglich ist. Grundsätz¬
lich sind auch andere direkte und in¬
direkte Steuerungsinstrumente vor¬
stellbar, die allesamt viel größere Rea¬
lisierungschancen haben, jedenfalls
verglichen mit dem Vorschlag, die In¬
vestitionen zu sozialisieren. An den
Autor muß daher die Frage gerichtet
werden, warum er bei dem Vorhaben
»Sozialisierung« mit dem Dach begin¬
nen möchte statt mit dem Fundament.
Wenn auch gegenüber den wirt¬
schaftspolitischen Empfehlungen des
Autors doch zum Teil gewisse Vorbe¬
halte anzumelden sind, so könnte die¬
ses Buch doch die Diskussion in der
BRD in eine neue Richtung lenken:
daß nämlich bei geringen Wachstums¬
raten und steigender Sparquote die
kapitalistische Wirtschaftsordnung in
ihrer gegenwärtigen Ausprägung der
parlamentarischen Demokratie gefähr¬
det ist, ohne daß eine echte Alternative
einer demokratischen, sozialistischen
Wirtschaftsform gegeben ist. Vielleicht
könnte durch die Erinnerung an die
Krisenhaftigkeit des Kapitalismus der
Glauben an die Hauptthese des Sach¬
verständigenrats, daß uns vom golde¬
nen Zeitalter nur noch die Maßlosig¬
keit der Arbeiter und Angestellten
trennt, ein bißchen erschüttert werden.
Damit wäre schon viel erreicht.
Erich Haas
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