Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1979 Heft 3 (3)

lassen, die meistens auf Lohnzurückhaltung hinausliefen, ohne daß
dafür ein entsprechendes quid pro quo geboten wurde.
Was diesen Prozeß der Umsetzung von im Kern restriktiven Linien
und Konzepten der Wirtschaftspolitik in die hohe politische Praxis
immens erleichterte, war zweifellos die systematisch vorgetragene
Offensive des neoliberalen, im Grunde stockkonservativen neoklassi¬
schen und monetaristischen Flügels der etablierten Nationalökonomie.
(Es gibt auch andere Spielarten am rechten Flügel, so die technokra-
tisch-planerischen Varianten in Frankreich und Italien, hierzulande
und auch im angelsächsischen Bereich noch wenig bekannt und
studiert).
Gemeinsam ist allen diesen Strömungen ihre Feindseligkeit gegen¬
über dem Keynesianismus, den Gewerkschaften und auch (dies aber
mehr verbal) gegenüber dem staatlichen Interventionismus in der
Wirtschaft, ja auch gegenüber jeglicher extensiven Sozialgesetzgebung.
Aber wieso konnten diese Kräfte, wieso konnte diese erzkonservative
Ideologie überhaupt wirksam werden und in die Offensive gehen? Wir
kommen hier zur zweiten Ebene: Wie vollzog sich die breite
Umsetzung, wie wurde der Boden bereitet für den folgenden „mass
response" in der Wählerschaft? Einige Hinweise mögen genügen:
Beginnende neue Massenarbeitslosigkeit, Verunsicherung am Ar¬
beitsplatz. Dies macht anfällig für alle Argumente, die mit der Frage
der Wettbewerbsfähigkeit zu tun haben (also „Kosteninflation", „Sozial¬
inflation", öffentliche „Fehlinvestitionen", „Verschwendung von Steu¬
ergeldern" etc.)
Inflation (auch schleichende): Die strategisch gut placierten, meist
männlichen Fachkräfte holen sich ihren Ausgleich, zum Handkuß
kommen all jene, die wenig „punch" haben, die Unqualifizierten und
Unorganisierten, die Massen der Rentner, Pensionisten, kleinen Sparer
etc. Aber auch die Hausfrau, Ehefrau des gut Verdienenc en fühlt sich
betroffen, umso mehr, als ihr oft verschwiegen und vorenthalten wird,
was der Mann tatsächlich verdient. Jedenfalls machen inflationistische
Preissteigerungen viele Leute anfällig für alles, was als verantwortlich
für übermäßige Staatsausgaben, für Budgetdefizite und für die
„übermäßigen" Forderungen anderer Arbeiter- und Angestelltengrup¬
pen hingestellt wird. Wo Teuerungsabgeltungen (flat rates) dominieren
und die „differentials" verwischt werden, werden auch die Fach¬
arbeiter gegen „kostspielige" Sozialausgaben aufgebracht.
Sozialstaat, sozialer Wohlfahrtstaat... erzeugen unvermeidlich auch
„Sozialparasiten" beziehungsweise Gruppen, die man leicht als solche
abstempeln kann. Vor allem als geplagter Lohnsteuerzahler sieht man
es nicht gern, wenn andere „von meiner Steuer leben" und sich's „gut
sein lassen".
Für den Sozialstaat (leichte Hand beim Ausgeben fremder Gelder
etc.) sind aber immer noch die reformerischen Parteien und Regie¬
rungen verantwortlich gemacht worden.
<2*> 279
        

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