Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

mento Tecnico, der AEG-Union) be¬
fanden sich auch Unternehmungen,
die aus der Rüstungsproduktion für
den Weltkrieg große Gewinne ziehen
sollten.
Auf den Ausbruch des Krieges war
die politische und administrative Füh¬
rung der Monarchie nicht vorbereitet.
Man hatte im Grunde doch nur mit
einer wenige Wochen dauernden Stö¬
rung des normalen Laufes der Dinge
gerechnet. Doch selbst während der
ersten Monate erwies sich die Verwal¬
tung den Aufgaben nicht gewachsen.
Unüberlegte Kurzschlußhandlungen
(wie das wechselseitige Getreideem¬
bargo der Verbündeten) und unver¬
ständliche Unterlassungen (wie die
fehlende Absicherung der Rohstoff¬
versorgung) führten die Wirtschaft
schon zu Kriegsbeginn nahe an den
völligen Zusammenbruch. Die von
Professor März exemplarisch darge¬
stellte Kriegsbewirtschaftung dispo¬
nierte, wenn schon nicht zu spät, oder
überhaupt falsch, so auf jeden Fall
außerordentlich ineffizient. Diese
Form einer ansatzweise zentralen
Wirtschaftslenkung wird auch bei
zahlreichen zeitgenössischen Beob¬
achtern traumatische Eindrücke über
die Konsequenz einer Ausschaltung
der Ressourcenallokation über den
Markt durch bürokratische Apparate
und ihre immer wieder auch korrup¬
ten Vertreter hervorgerufen haben.
Daß dieses Regime u. a. „Kriegssozia¬
lismus" genannt wurde, mußte Vertre¬
tern liberalistischer Wirtschaftsauffas¬
sung als bestechendes Argument für
ihre Ansichten erschienen sein.
Auch die Bewirtschaftung des Geld-
und Kapitalverkehrs war anfangs un¬
durchdacht. So verpflichtete etwa das
1914 erlassene Moratorium die Mieter
ihre Mietschulden zu begleichen, un¬
tersagte ihnen aber die Abhebung der
dafür notwendigen Geldmittel. Indes,
die Banken wußten sich besser zu
helfen als viele Unternehmungen, de¬
ren Betrieb durch Requirierungen
und Einberufungen schwer gestört
war. Schon im November 1914 wurde
die erste Kriegsanleihe aufgelegt, die
zu zeichnen damals nicht nur als „eine
selbstverständliche, patriotische
Pflicht", sondern auch als „überaus
vorteilhaftes Geschäft" erschien. Das
war allerdings für das breite Publi¬
kum unzutreffend; sofern es Front¬
kampf, Hunger und die große Grip¬
peepidemie überhaupt überstand,
sollte es in der großen Inflation erle¬
ben, daß diese „patriotischen Erspar¬
nisse" zu einem wertlosen Stück Pa¬
pier wurden. Den Banken dagegen,
die sich mit bedeutenden Nostrozeich-
nungen an den Kriegsanleihen (deren
Organisation Professor März detail¬
liert darstellt) beteiligt hatten, blieb
ein ähnliches Schicksal erspart; die
Belehnung ihrer Anleihebestände bei
der Nationalbank erlaubte es ihnen,
sich gegen die Entwertungen wenig¬
stens teilweise abzusichern.
Trotz des Vorranges der Kriegsan¬
leiheoperationen blieb den großen
Wiener Banken auch nach 1914 genug
Spielraum für ertragreiche Geschäfte;
etwa die verstärkte Finanzierung von
Militärlieferungen oder Import-Ex-
port-Geschäften. Bei vorsichtiger Dis¬
position konnte die Creditanstalt im¬
merhin in den Jahren 1915-1917 Divi¬
denden zwischen 10 und 13 Prozent
ausschütten.
Völlig ungeschoren kamen die Ban¬
ken indes nicht davon. Die Auflösung
der Monarchie zwang die Creditan¬
stalt, ihre Filialen und letztlich auch
ihre industriellen Engagements in den
Nachfolgestaaten aufzugeben. Zu ei¬
ner bloß nationalen Bedeutung war
die Creditanstalt damit jedoch nicht
herabgesunken. Durch die enge Ver¬
bindung mit dem Haus Rothschild
gelang es im Jahre 1920 anläßlich ei¬
ner Kapitalaufstockung, ausländische
Finanzkreise zu einer Beteiligung an
der Creditanstalt zu gewinnen. Profes¬
sor März zeichnet mit faszinierenden
Einzelheiten die beweglichen Disposi¬
tionen nach, mit denen die Creditan¬
stalt in den Nachkriegsjahren durch
Portefeuilleumschichtungen auf die
wechselnden Situationen am Kapital-
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