Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

markt, im Kommissions- oder Devi¬
sengeschäft reagierte.
Die gefährlichste Bedrohung er¬
wuchs dem Wiener Bankwesen in die¬
ser Zeit nicht durch äußere wirtschaft¬
liche Entwicklung, sondern durch ei¬
nen inneren sozialen Wandel. Die Ge¬
walt, List und Drohung enthaltende
Atmosphäre des Krieges (jene der
„Letzten Tage der Menschheit") hatte
vor den eleganten Büros der Bankdi¬
rektoren nicht haltgemacht. Zumal in
ihnen nicht mehr nur langgediente
Vertraute der Finanzwelt saßen, son¬
dern Bösels und Castiglionis. Sie
drohten in einer Reihe von Gewalt¬
streichen übermächtige Finanzimpe¬
rien aufzubauen. Obwohl soziale Au¬
ßenseiter, taten diese „homines novi",
wie Professor März sie in seiner mate¬
rialreichen Schilderung ihrer spekta¬
kulären Schachzüge nennt, doch bloß,
was ihnen die Spitzen von Politik und
Gesellschaft, wenn auch weniger of¬
fen, demonstriert hatten. Hatte nicht
der angesehene Privatbankier Kola,
der gleichzeitig der Devisenhändler
des Staatsamtes für Finanzen (unter
der Leitung von Josef Schumpeter)
war, seine Stellung benutzt, um be¬
deutende Teile des Kapitals der Alpi-
ne-Montan-Gesellschaft in italienische
Hände zu spielen? Der Protest in der
sozialdemokratischen Presse hatte da¬
mals nichts genützt.
Das Wechselspiel von Wirtschaft, Fi¬
nanzkapital und Politik wird auch an
den zahlreichen Persönlichkeiten
deutlich, die als Protagonisten in der
Untersuchung von Professor März
sichtbar werden; beispielsweise Alex¬
ander Spitzmüller, aus dessen Auto¬
biographie Eduard März immer wie¬
der interessante Beobachtungen zi¬
tiert, war vor seiner Zeit als Direktor
der (Kreditanstalt im öffentlichen
Dienst tätig; er verließ die (Kreditan¬
stalt einer Berufung in die Regierung
wegen.
Allerdings erfolgte die wechselseiti¬
ge Beeinflussung von Politik und
Wirtschaft nicht in erster Linie durch
persönliche Erfahrungen. Die von der
Politik ausgehenden Impulse wurden
etwa in der von der Genfer Sanierung
ausgelösten Stabilisierungskrise be¬
sonders spürbar. Mit dem ersten Jahr
dieser Krise schließt Professor März
sein faszinierendes Werk ab (das ver¬
mutlich auf die österreichische Wirt¬
schaftsgeschichtsschreibung einen
ähnlich anregenden Einfluß ausüben
wird, wie dies das 1968 von Professor
März erschienene Buch „österrei¬
chische Industrie- und Bankenpolitik
in der Zeit Franz Joseph I." tat).
Das Ausmaß der ökonomischen De¬
pression läßt sich aus einer Aufstel¬
lung am Ende des Buches ablesen: In
der elektrotechnischen Industrie lag
1923 die Kapazitätsauslastung nur bei
50 Prozent, in der Maschinenindustrie
und bei den Eisen- und Stahlwerken
nur bei 40 Prozent. Anfang 1922 waren
rund 34.000, ein Jahr später über
160.000 unterstützte Arbeitslose regi¬
striert. „In der Retrospektive zeigt das
Jahr 1923 bereits alle wirtschaftlichen
Schwächen auf, die zur Krise der frü¬
hen dreißiger Jahre führten."
Michael Wagner
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