Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

UMVERTEILUNG UNVERMEIDLICH Rezension von: Lester C. Thurow, Die Null-Summen-Gesellschaft. Vahlen Verlag, München 1981 Die Situation der amerikanischen Wirtschaft bereitet seit einigen Jahren nicht nur Fachökonomen, sondern auch weiten Teilen der Öffentlichkeit Kopfzerbrechen. Das „Land der unbe¬ grenzten Möglichkeiten", das - wie noch immer die Mehrzahl der Ameri¬ kaner überzeugt ist - beste und lei¬ stungsfähigste aller Systeme, ist zu¬ tiefst krisengeschüttelt. Arbeitslosig¬ keit, langsames Wirtschaftswachstum, Inflation, Energieversorgung, Um¬ weltverschmutzung und krasse Ein¬ kommensgefälle sind die augen¬ scheinlichsten der aktuellen Pro¬ bleme. Sind nun diese Probleme unlösbar oder die Verantwortlichen unfähig? Haben die Amerikaner ihre Arbeits¬ moral und ihren Erfindergeist verlo¬ ren? Konsumieren sie zuviel anstatt zu investieren? Sollen sie ihre sozialen Errungenschaften abbauen, um kon¬ kurrenzfähig zu bleiben? Diese von Lester C. Thurow stellver¬ tretend für die amerikanische Öffent¬ lichkeit gestellten Fragen werden in den Vereinigten Staaten zumeist mit dem Pauschalargument „zuviel Staat" beantwortet. Daß diese Blitzdiagnose keine be¬ friedigende Erklärung ergibt, zeigt Thurow anhand einiger Beispiele. Denn viele von den in den USA als in ihrer Wirtschaftsleistung vorbildlich betrachteten Länder verfügen über weit größere, mächtigere und allge¬ genwärtigere Staatsapparate (zentrale Investitonsplanung und staatliche Kontrollen in Japan; staatlich kontrol¬ lierte Großunternehmen wie VW und Renault in Europa; gewerkschaftli¬ cher Einfluß in Aufsichtsräten in der BRD). Ebenfalls durch einen Vergleich mit europäischen Ländern wird das Argu¬ ment entkräftet, durch zu geringe Ein¬ kommensunterschiede hätten Lei¬ stungswille und Sparbereitschaft ge¬ litten. Die konservativen Rezepte, also die Stärkung der freien Marktwirtschaft, die Abschaffung wirtschaftshemmen- der Regelungen, die Verlagerung der Steuerlast von den Sparenden (den Vermögenden) zu den Konsumieren¬ den (den Armen) versprechen wenig Erfolg. Wie sieht demgegenüber die Thu- rowsche Diagnose und Rezeptur aus? Grundthese ist, daß alle aktuellen Wirtschaftsprobleme wesentliche Ele¬ mente eines Null-Summen-Spiels auf¬ weisen, d. h. daß jedem Gewinn einer gesellschaftlichen Gruppierung ein gleichhoher Verlust einer anderen ent¬ spricht. Besonders einsichtig ist diese These bei Wachstums- und Verteilungsfra¬ gen. Solange die Arbeitsproduktivität mit 3 bis 4 Prozent jährlich wuchs, konnten die Verteilungsansprüche al¬ ler Gruppen befriedigt werden. Alle Einkommen konnten real ansteigen (Nicht-Null-Summen-Spiel). Seitdem das Produktivitätswachstum sta¬ gniert, taucht die Notwendigkeit einer Verlustzuweisung auf. Auch in anderen Konfliktbereichen ist die Null-Summen-These anwend¬ bar. Beim Problem der Energieversor¬ gung, nach Thurow der Hauptbedro¬ hung des heutigen Lebensstandards, sorgt seit der Importbeschränkung von 1957 die Regierung für ein hohes Einkommen der US-Ölkonzerne auf Kosten der Konsumenten; heute for¬ dern dieselben Konzerne einen freien Markt und einen Abbau der Preiskon¬ trollen. Freier Wettbewerb und somit ein höherer Ölpreis könnte zwar das Versorgungsproblem lösen; doch das 116

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