Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

ärmste Zehntel der US-Bevölkerung
hat etwa 20 Prozent seines privaten
Haushaltsbudgets für Energieausga¬
ben aufzuwenden, das reichste Zehn¬
tel dagegen bloß 2 Prozent (vgl. S. 25).
Das Realeinkommen der Ärmeren
wird also bei einer Energiepreisver¬
teuerung überproportional sinken.
Gewinner sind die Besitzer von Erner-
giequellen, also Kapitalgesellschaften,
wobei sich wiederum 90 Prozent von
deren Aktien im Besitz der reichsten
10 Prozent der Haushalte befinden.
Eine Freigabe des Benzinpreises wür¬
de folglich zu einer gigantischen Um¬
verteilung von unten nach oben
führen.
Alternative Energieformen ver¬
stärkt einzusetzen führt zu einer ähnli¬
chen Situation. Sei es Kernkraft,
Windenergie, Sonnenenergie oder
kleine Wasserkraftwerke, der Einsatz
jeder dieser Energiequellen bedeutet
eine Einkommensminderung für ir¬
gendeine Gruppe (z. B. der Ölkonzer-
ne oder der auf Kerntechnologie aus¬
gerichteten Gesellschaften) oder eine
andere Form von Beeinträchtigung
des Lebensstandards (Lärmbelästi¬
gung durch die Propeller von Windrä¬
dern etc.).
Dabei wird wieder die Umweltpro¬
blematik aktuell. Die Kosten für sau¬
bere Umwelt und verbesserte Sicher¬
heit müssen verteilt werden, und dies
ist politisch noch schwerer als in ande¬
ren Bereichen, da der dadurch entste¬
hende Nutzen nicht oder nur schwer
quantitativ zu ermitteln ist. Saubere
Luft und Sicherheit werden nicht auf
Märkten gehandelt, haben keinen
Preis und gehen folglich nicht in Out¬
putmessungen ein.
Erhöhte Umweltschutzausgaben
werden in den Statistiken kontrapro¬
duktiv wirken und den Verteilungs¬
kampf verschärfen. Denn der Nutzen
ist nicht quantifizierbar und somit
nicht zurechenbar, und wenn alle die
Kosten mittragen müssen, sinkt der
reale Lebensstandard derer, die auf
eine saubere Umwelt nicht soviel Wert
legen.
Auch die Inflation ist ein Musterbei¬
spiel für Null-Summen-Spiele. Bei ei¬
ner Preiserhöhung sinkt das Realein¬
kommen des Käufers, aber dafür wer¬
den andere Einkommen steigen. Die
insgesamt aufzuteilende Summe
bleibt dabei gleich. Daß die Amerika¬
ner dennoch glauben, immer ärmer zu
werden, liegt an der Geldillusion:
„Geldillusion ist ein Bestandteil unse¬
res Puritanismus. Alles was wir besit¬
zen, haben wir verdient. Einfach
Glück haben wir nie gehabt. Den ge¬
samten Besitz verdanken wir der per¬
sönlichen Tüchtigkeit." (S. 44)
So stieg das verfügbare Realein¬
kommen in den USA von 1972 bis 1978
mit 16 Prozent etwa genauso hoch wie
in der Zeit vor den hohen Inflationsra¬
ten (1966 bis 1972: 17 Prozent). Da die
Geldeinkommen in dieser Periode
aber um 74 Prozent stiegen, fühlen
sich die US-Bürger ärmer, ihrer recht¬
mäßigen Kaufkraft beraubt, obwohl
das reale Pro-Kopf-Einkommen an¬
stieg (wobei die Steuern des Bundes
1978 im Durchschnitt sogar niedriger
lagen als 1972!).
Für die Lösung der Verteilungspro¬
blematik bietet Thurow ein realisier¬
bar scheinendes Zwischenziel an, das
nicht so utopisch wirkt wie etiva die
Forderung einer totalen Gleichvertei¬
lung der Gewinnchancen am Markt:
„Die Gruppe, die unserer Idealvorstel¬
lung einer natürlichen Lotterie am
nächsten kommt, ist die der vollbe¬
schäftigten weißen Männer. Sie sind
unbelastet von Diskriminierung, man¬
gelnder Ausbildung oder Arbeitslosig¬
keit ... Als allgemeines Verteilungs¬
ziel schlage ich vor, daß wir eine Ge¬
samtverteilung der Arbeitseinkom¬
men anstreben sollten, die nicht un¬
gleicher ist als die, die jetzt für vollbe¬
schäftigte weiße Männer besteht."
(S. 187)
Somit wird die Schaffung von aus¬
reichenden Arbeitsstellen zum dring¬
lichsten Anliegen. Notwendig dazu
sind:
a) Ein sozialisierter Bereich der Wirt¬
schaft, der jedem Arbeitswilligen,
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