Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

abweicht, dies erstens nur kurzfristig möglich ist und zweitens die
Wirtschaft ruiniert.
Seine ganze Theorie baut auf dem Sayschen Gesetz auf, demzufolge
es kein Überangebot an Waren geben kann. Das Saysche Gesetz war die
bürgerlich-ökonomische Utopie gegen die Reste vorkapitalistischer
Gesellschaften. Wenn es Krisen gibt, so sind das kurze Übergangsphä¬
nomene, vor allem weil die Gesellschaft noch nicht eine perfekt
kapitalistische ist15. Für Ricardo war das Saysche Gesetz vor allem
deshalb wichtig, weil er glaubte, damit zeigen zu können, daß eine
Erhöhung der Produktion durch Akkumulation nicht zur Arbeitslosig¬
keit führen könne. Es kann somit, langfristig gesehen, nicht zuviel
produziert werden. Was nur kurzfristig ist, hat ihn nicht interessiert.
Akkumulation ist daher nicht nur Akkumulation einiger Vermögen, es
ist Vergrößerung von gesellschaftlichem Reichtum.
2.2 Marx versucht nun einen Ansatz, bei dem Geld den Gleichge¬
wichtsüberlegungen der Werttheorie nicht widerspricht: Geld soll aus
dem ökonomischen Handeln der Individuen erklärt werden. Dort, wo in
der politischen Ökonomie vor Marx - und auch bei weiten Teilen der
Ökonomie seither - Geld jede Funktion verliert, nämlich beim Tausch
zu Werten, will Marx zeigen, daß Geld notwendig ist; notwendig in dem
Sinne, daß eine tauschende Wirtschaft Geld herausbilden muß.
„Die wirkliche Frage ist: Macht das bürgerliche Austauschsystem
selbst nicht ein spezifisches Austauschinstrument nötig? Schafft es
nicht notwendig ein besonderes Äquivalent für alle Werte?" (Grund¬
risse, p. 46)
Die Schwierigkeiten dabei sind folgende: Während bei allen anderen
Waren von vornherein feststeht, daß sie - da Gebrauchswerte - ein Teil
des gesellschaftlichen Reichtums sind, kann dies bei Geld nicht gesagt
werden: Wenn jemand Geld hat, so ist das sein Reichtum, weil er damit
Gebrauchswerte kaufen kann. Dies ist aber nicht gesellschaftlicher
Reichtum, weil mit Hilfe des Geldes Gebrauchswerte nur transferiert
werden. Die Entstehung des gesellschaftlichen Reichtums ist an Arbeit
gebunden. Marx sieht meist davon ab, daß durch monetäre Nachfrage,
Angebot hervorgerufen werden kann. In solchen Betrachtungsweisen,
die typisch für Gleichgewichtsüberlegungen sind, kann Geld nicht Teil
des positiven Reichtums sein, so wie Brot, Rock, Schnaps und Bibel.
Marx untersucht dazu den Tauschprozeß, das Wirken der Wirtschafts¬
subjekte am Markt. Er spricht dabei von der Form des Wertes, die durch
die Tatsache des Tausches hervorgebracht wird. Die Unterscheidung
zwischen Form und Inhalt des Wertes ist nichts anderes als die
Unterscheidung zwischen Ökonomie im Sinne von Knappheit, die nur
durch Arbeit überwunden werden kann, und Ökonomie im Sinne einer
tauschenden Gesellschaft. Die Gesellschaft muß arbeiten und die
Produkte der Arbeit kommensurabel machen. Die Vergleichbarkeit der
Arbeitsprodukte in einer Marktwirtschaft ist an den Tausch der vonein¬
ander unabhängigen Idividuen gebunden, keine Aufgabe eines Rechen¬
meisters. Die Form der Gesellschaft bestimmt daher die Form, die der
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