Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

3. Ausbeutung und Akkumulation
3.1 Berühmt und berüchtigt ist Marx in erster Linie für seine
Theorie der Ausbeutung. Sie steht im Mittelpunkt der meisten direkten
polemischen Auseinandersetzungen um Marx, aber oft uneingestande-
nermaßen auch hinter vielen Auseinandersetzungen mit anderen
Aspekten der Theorie: Wer irgendein Stückchen der Marxschen Theo¬
rie widerlegt, scheint Ausbeutung widerlegt zu haben; und wer den
Marx-Kritiker bei einem Fehler ertappt hat, hat die Existenz von
Ausbeutung bestätigt und damit die Notwendigkeit einer radikalen
Änderung der Gesellschaft.
Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, daß Marx von sich niemals
behauptet hat, die Existenz von Klassen entdeckt oder als erster
Ausbeutung formuliert zu haben. Die Existenz von Profiten war immer
eine Selbstverständlichkeit, und nur die Ökonomen des deutschen
Sprachraums sind angesichts der Marxschen Theorie derart erschrok-
ken, daß sie das Wort „Profit" aus ihrem Sprachschatz gestrichen
haben22.
Marx bezeichnet das Mehrprodukt, also jenes Produkt das den
Arbeitern nicht unmittelbar zufällt, als Ausbeutung, sofern andere
darüber in ihrem privaten Interesse verfügen können. Das hat zunächst
nichts mit der Arbeitswerttheorie zu tun und auch nichts mit der
Tatsache des Elends der Arbeiter. Ausbeutung kann daher nicht
widerlegt werden, etwa durch die Grenzproduktivitätstheorie: auch in
dieser gibt es ein Mehrprodukt, das zu einem bestimmten Zeitpunkt mit
spezifischer Technologie von den Arbeitern erzeugt wird, diesen aber
nicht zufällt223. Nur im Vergleich zu alternativen Technologien und
Kapitalgütermengen kann ein Begriff von „Produktivität des Kapitals"
gewonnen werden. Oder in der Theorie der Physiokraten: Dort wird
zwar angeführt, daß der von Quesnay selbst als unproduktiv bezeichne¬
ten Klasse ein Drittel des Produktes zufällt, ohne daß deswegen von
Ausbeutung gesprochen wird. Die Aristokratie und der Staat waren
eben berechtigt, dieses Mehrprodukt einzustreifen23. Ausbeutung ist
auch als wissenschaftlicher Begriff bei Marx, zunächst nichts anderes
als eine wertende Bezeichnung für das Mehrprodukt, sofern es Wirt¬
schaftssubjekten zur privaten Verfügung zufällt.
Es muß dabei bedacht werden, daß die polemische Spitze der Theorie
des Mehrwerts und des Begriffs Ausbeutung nicht nur gegen die
„bürgerliche" Ökonomie gerichtet war, sondern auch gegen jene Vor¬
stellungen und Theorien, die das Elend der Arbeiter als einen Betrug an
ihnen auffaßten. Marx griff mit seiner Theorie des Mehrwerts vehement
sozialistische Utopien an: weder eine Reform des politischen Systems -
etwa durch eine Wahlrechtsreform, noch ein Unterlaufen des Kapitalis¬
mus durch Genossenschaften seien geeignet, Ausbeutung aufzuheben.
Ausbeutung soll als ökonomisches Phänomen erklärt werden. Nicht
eine politisch vorgegebene soziale Stellung ermöglicht es einem Teil der
Bevölkerung von der Arbeit der anderen zu leben, wie das bei Quesnay
der Fall ist, sondern eine Theorie, die vom sozialen Handeln am Markt
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