Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

kämpfende Klasse nicht auftritt, erzeugen die Arbeiter bei steigender
Produktivität mehr Kapital, Ausbeutung und Akkumulation sind direkt
verknüpft. Die Arbeiter sind damit vom produzierten Reichtum der
Gesellschaft ausgeschlossen. Das erklärt die Affinität der linearen
ökonomischen Modelle zur Marxschen Ökonomie. In ihnen wird entwe¬
der aufgewandte Arbeit oder die notwendigen Lebensmittel als Produk-
tionsinput betrachtet. Die Arbeiter treten am Gütermarkt nur als
Nachfrager nach Subsistenzmittel auf.
Damit wird auch die Grenze dieser Ausbeutungstheorie klar. In einer
Gesellschaft, in der sich mittelfristig die Reallöhne mit dem Volksein¬
kommen entwickeln, kann der Lohn nicht exogen vorgegeben sein. Es
kann zwar nicht einfach gesagt werden, ob aus dem Wirtschaftswachs¬
tum das Wachsen der Löhne, oder aus dem Wachsen der Löhne auf das
Wirtschaftswachstum geschlossen werden kann, sicher ist aber, daß
dieser Zusammenhang zumindest teilweise im ökonomischen System
erklärt werden muß.
3.2 Da den Arbeitern im Kapitalismus nicht Unrecht geschieht, in
dem Sinn, daß ihnen etwas weggenommen wird, was ihnen eigentlich
zusteht, trat Marx nie für eine Umverteilung ein. In seiner „Kritik am
Gothaer Programm" wendet er sich explizit gegen sozialistische Forde¬
rungen, nach denen dem Arbeiter das volle Produkt des Arbeitstages
zufallen soll. Auch in einer sozialistischen Gesellschaft muß ein Mehr¬
produkt existieren: Versicherungsfonds, Vorsorge für Alte, Investi¬
tionsfonds etc. Zentraler Aspekt zur Bestimmung der kapitalistischen
Gesellschaft ist für Marx, daß dieses Mehrprodukt den Kapitalisten
zufällt, und nur sie darüber verfügen können. Diese private Verfügung
über das Mehrprodukt muß geändert werden, die Höhe des Mehrpro¬
duktes ist für Marx eine sekundäre Frage gewesen. Die Kapitalisten
können mit dem Mehrprodukt, das ihnen in Form des Mehrwerts
zufällt, zweierlei tun: sie können es konsumieren oder investieren.
Während ersteres polemisch abgelehnt wird, weil es angesichts der
herrschenden Armut eine Verschwendung von Arbeitskraft bedeutet,
steht letzteres im Zentrum der Marxschen Argumentation.
Zum Unterschied zu der von Marx als „vulgär" denunzierten Ökono¬
mie, stellt sich die Aufteilung des Mehrwerts in Konsum und Investi¬
tion nicht als Kalkül des frei entscheidenden Unternehmers dar: Der
Kapitalist ist Getriebener des Marktes, weil es keine Produktion ohne
technische Veränderung gibt. Jeder Kapitalist muß bei Strafe seines
eigenen Untergangs fortdauernd bemüht sein, die neuesten Produk¬
tionsverfahren zu verwenden. Marx hat daher ein grundsätzlich anderes
Kapitalistenbild als die akademische Ökonomie. Der Unterschied liegt
aber nicht darin, wie es oft in billiger anti-marxistischer Polemik
vermutet wird, daß Marx die bösen, habgierigen Ausbeuter darstellt,
zum Unterschied vom netten, freundlichen Rechenmeister der Neoklas-
sik. Ganz im Gegenteil: Für Marx ist der Kapitalist der eigentliche
Organisator des Produktionsprozesses, der erstens ständig neue Pro-
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