Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

duktionsverfahren entwickelt und zweitens die Arbeiter zwingt, ratio¬
nell zu arbeiten.
Demgegenüber zeichnet die Neoklassik ein Bild, in dem der Kapita¬
list auf den Kapitaleigentümer reduziert wird. Dieser macht nichts
anderes als Preisdifferenzen auszunutzen und dabei den Gleichge¬
wichtspreis herbeizuführen. Der neoklassische Kapitalist ist im Grunde
genommen Spekulant25.
Seine entscheidende Aufgabe in der Neoklassik ist es, Risken zu
tragen. Genau in dieser Funktion schien er aber Marx und den politi¬
schen Parteien, die sich auf ihn beriefen, unnötig: durch Planung lassen
sich die Risken erstens verringern und zweitens in einer Versicherung
auf die gesamte Gesellschaft aufteilen.
Das Bild des Marktes, das Marx zeichnet, ist grundsätzlich anders, als
das der Neoklassik. Während in der Neoklassik der Markt dadurch
gekennzeichnet ist, daß bei Konkurrenz ein einheitlicher Preis vorhan¬
den ist und jener einzelne nur Preisnehmer, sodaß am Markt Ruhe
herrscht, ist für Marx der Markt ein Ort des Kampfes: die Kapitalisten
bekämpfen einander durch immer bessere Produktionsmethoden, was
auch verstärkte Ausbeutung durch neue Techniken heißt. Weil die
Unternehmer einander dauernd bekriegen, weil sie dauernd kurzfri¬
stige Monopolrenten erhalten wollen, entsteht technischer Fortschritt.
Marxisten haben es daher wesentlich leichter technischen Fortschritt
zu erfassen, als die weitgehend statische Neoklassik.
Verbesserte Produktionsmethoden heißt dabei zweierlei: Verände¬
rungen der Technologie im Sinne einer besseren Beherrschung der
Natur und eine geänderte Organisierung des Arbeitsprozesses. Wäh¬
rend der Arbeiter am Arbeitsmarkt als freies Individuum betrachtet
wird, daher nicht grundsätzlich anders als in der akademischen Ökono¬
mie, hat der Arbeiter für Marx, sobald er die Fabrik betritt, alle
Freiheiten aufgegeben. Der Arbeiter verkauft am Arbeitsmarkt die
Arbeitskraft, nie die Arbeit. Gearbeitet wird in der Fabrik.
„Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der
Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeu¬
tungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andere scheu, wider¬
strebsam, wie jemand der seine eigne Haut zu Markt getragen und
nun nichts andres zu erwarten hat als die - Gerberei." (Kapital Bd. 1,
p. 191)
Organisierung der Produktion heißt mehr als das Hinstellen der
richtigen Maschinen, es heißt den Arbeiter zur Arbeit zu zwingen.
Dieses HerrschaftsVerhältnis in der Fabrik entspringt nicht der Böswil¬
ligkeit des Kapitalisten, auch nicht der Faulheit der Arbeiter, sondern
dem ökonomischen Verhalten aller Beteiligten: der Kapitalist muß
Profit machen, will er nicht untergehen; der Arbeiter muß sich dagegen
wehren, da er bei gegebenem Lohn möglichst wenig arbeiten möchte.
Da die Gesellschaft aber nicht auf politischer Herrschaft aufgebaut ist,
kann das betriebliche Herrschaftsverhältnis nicht das des Sklaventrei¬
bers oder des Fußballtrainers sein: es muß durch die Produktionstech¬
nologie und Organisation vermittelt sein. Der kapitalistische Betrieb, in
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