Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

Editorial
Beschäftigungspolitische Perspektiven
I
Was in den letzten Jahren wiederholt angesagt und auch
prognostiziert worden war, ist im Laufe des Jahres 1981 -
diesmal allerdings von vielen nicht ganz so erwartet - einge¬
treten: die Beschäftigungslage hat sich in Österreich ver¬
schlechtert. Die Arbeitslosenrate ist von 1,9 Prozent 1980 auf
2,4 Prozent im Vorjahr gestiegen und wird heuer vermutlich
die 3-Prozent-Grenze überschreiten. Nach der letztverfügba¬
ren Prognose ist für heuer im Jahresdurchschnitt mit
94.000 Arbeitslosen zu rechnen, nach 69.000 im Vorjahr und
53.000 im Jahre 1980.
Konfrontiert man ausländische Ökonomen mit der jüng¬
sten Entwicklung, so wird einem achselzuckend entgegenge¬
halten: „Was wollt ihr eigentlich, das ist doch immer noch
Vollbeschäftigung!" Tatsächlich wären die meisten Länder
froh, wenn die Lage auf ihrem Arbeitsmarkt auch nur halb¬
wegs jener in Österreich nahekäme. Manche inländischen
Stimmen hingegen erwecken eher den Eindruck, eine „Göt¬
terdämmerung" der österreichischen Vollbeschäftigung sei
nun angebrochen. Welcher der beiden Einschätzungen man
recht zu geben geneigt ist, hängt davon ab, welche Bedeutung
der Entwicklung des letzten Jahres in mittelfristiger Sicht
zukommt. Dazu im folgenden einige Überlegungen.
II
Der Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen hat in seiner
Anfang 1980 abgeschlossenen Studie „Längerfristige Arbeits¬
marktentwicklung" drei Varianten näher betrachtet. Bei
einer mittelfristigen Rate des Wirtschaftswachstums von
3,5 Prozent bis 1986 („optimistische Variante") wurden kei¬
nerlei Beschäftigungsprobleme erwartet. Bei 2,5 Prozent
Wachstum (pessimistische Variante) wurden für 1981 2,4 Pro¬
zent und für 1986 5,4 Prozent Arbeitslose prognostiziert. Eine
„mittlere Variante" (3 Prozent Wachstum) ergab ein langsa¬
meres Ansteigen der Arbeitslosenrate auf 4,1 Prozent 1986.
Diese Werte sind nicht als Punktprognosen, sondern als
Trendprognosen zu verstehen. Unterstellt man einmal die
Gültigkeit dieser Perspektiven, so ergibt sich die Frage, auf
welchem Wachstumstrend wir uns befinden. Man sollte sich
        

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