Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

jungen Generation mit dem, was vor 20 Jahren noch als sinnvoll
empfunden wurde;
- die Entstehung neuer politischer Bewegungen jenseits der etablier¬
ten Parteien: dazu zählen die verschiedensten Bürgerinitiativen
ebenso wie die ökologische Bewegung, die Frauenbewegung und das,
was man seit dem Sommer 1980 die „neue Jugendbewegung" nennt.
Auch wenn die Erscheinungsformen dieser Bewegungen manchen
eher Alpträumen von einer Walpurgisnacht gleichen, so gibt es gute
Gründe, in diesen Bewegungen nichts Vorübergehendes zu sehen. Dies
deshalb, weil sie von Kräften in der gesellschaftlichen Entwicklung
genährt werden, die von Dauer sind und die sich, so wie die Dinge
liegen, auch bei verzögerter Fortsetzung der Entwicklung in der bisheri¬
gen Form, intensivieren werden.
Im folgenden soll versucht werden, diese gesellschaftlichen Kräfte zu
identifizieren und, darauf aufbauend, eine Reorganisation der Erfüllung
gesellschaftlicher Aufgaben durch den Staat, die Länder, die Gemein¬
den und die anderen staatlichen Aufgabenträger vorgeschlagen werden.
Die Aufgabe, die sich dabei stellt, ist ähnlich der, von der die
politische Ökonomie in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre
und bei der Rekonstruktion der Ökonomie nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges gestanden ist. Zu dieser Aufgabe haben Philipp Rieger,
z. B. durch seine Tätigkeit als Geschäftsführer des „Wirtschafts- und
Sozialbeirates" und Theodor Prager durch sein Buch „Wirtschaftswun¬
der oder Keynes?" (Wien 1962), jeder auf seine Art, ihren Beitrag
geleistet. Beide haben sich in den Diskussionen, die seit dem Erdöl¬
schock Mitte der siebziger Jahre geführt werden und in denen es um die
Erarbeitung einer neuen Orientierung für die Wirtschafts- und Gesell¬
schaftspolitik geht, als Förderer eines offenen Gesprächs erwiesen. Es
ist mir deshalb ein besonderes Anliegen, Theodor Prager und Philipp
Rieger diesen Beitrag zu widmen.
Die Reform der Verwaltung ist ein Thema, das schon so alt wie der
moderne Staat ist. Es ist verständlich, daß viele erfahrene Verwaltungs¬
leute jedem Versuch, dies neuerdings zu begründen, mit Skepsis
gegenüberstehen müssen. Dennoch sind aus dem Studium der Entste¬
hung des modernen Staates reichlich Argumente zu erkennen, die die
Wandlungsfähigkeit gesellschaftlicher Institutionen, auch jener des
Staates, belegen. Damit bin ich bei THESE 1: Der moderne Staat ist
nicht vom Himmel gefallen: Er ist die Antwort auf jene gesellschaftli¬
chen Probleme, die innerhalb der feudalen Gesellschaft nicht mehr
lösbar waren, nämlich die Sicherung der Lebensbedingungen einer
wachsenden Bevölkerung im Inneren (N. Elias 1977) und gegen die
Bedrohung nach außen. Es war Joseph A. Schumpeter, der große, aus
Österreich stammende Nationalökonom, dessen lOOsten Geburtstag wir
demnächst begehen werden, der in einem faszinierenden Vortrag im
Jahre 1918 an der Grazer Universität die Herkunft des Staates als
exemplarischen Retter aus der Not, in seinem Fall vor der Türkenbedro¬
hung begründete (J. A. Schumpeter 1918). Schumpeter verdanken wir
auch die Einsicht - dies ist die THESE 2 - daß der moderne Staat als
448
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.