Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

Stabilisator der gesellschaftlichen Entwicklung fungiert. Er tut dies
nicht kraft der Erleuchtung, die seine politischen Repräsentanten oder
seine administrativen Träger auszeichnet. Im Gegenteil: sehr oft sind
diese vornehmlich an dem „Interesse an sich selbst" (C. Offe 1975, G.
Vobruba 1980), also an der Fortsetzung des bisher beschrittenen Weges,
interessiert. Und dennoch sind die Träger des politisch-administrativen
Systems aus Selbsterhaltungsinteresse gezwungen, neue Aufgaben zu
übernehmen, neue Institutionen zu begründen oder alte Aufgaben
durch neue Methoden zu erfüllen. Ich erinnere an die Entstehung der
modernen Staatsaufgabe der Sozialpolitik, die dem Deutschen Reich,
der österreichisch ungarischen Monarchie oder dem Königreich Eng¬
land von der sich formierenden Arbeiterbewegung aufgezwungen und
nicht zuletzt wegen der aus Gesundheitsgründen gesunkenen Wehr¬
kraft der modernen Massenheere auch aus Gründen der Selbsterhal¬
tung von den Nationalstaaten übernommen wurde (E. Talos 1979).
Ich gehe davon aus - dies wird an anderer Stelle ausführlich begrün¬
det (E. Matzner 1982) daß sich der moderne Staat und seine sich
wandelnden Aufgaben deshalb durchgesetzt haben, weil sie so wie das
Industriesystem und komplementär zu diesem, einen gewaltigen
Zuwachs an materieller Wertschöpfung ermöglicht haben. Gerade die
moderne staatliche Aufgabe Sozialpolitik ist ein eindringlicher Beleg
für diese These, die sich, dessen bin ich mir bewußt, in Widerspruch zur
liberalen ökonomischen Theorietradition befindet, in der seit Adam
Smith - und damals zurecht - der damalige absolutistische Staat in
vieler Hinsicht als eine den produktiven Unternehmungen auferlegte
Last erscheint.
Zweifellos ist die Epoche der industriellen Zivilisation, die die
feudale Gesellschaftsordnung abgelöst hat, durch einen gewaltigen
Prozeß der Zentralisierung und Uniformierung gekennzeichnet. Das
gilt für den ökonomischen ebenso wie für den staatlichen Bereich. Der
Ansammlung von Tausenden Arbeitskräften, die, zentral geleitet, in den
Fabriken ihre Arbeit verrichten, entsprechen die Ansammlungen von
Tausenden Beamten, die gesellschaftliche Bereiche auf Grund von
Gesetzen regeln, oder von Tausenden Soldaten, deren Verrichtungen
zentralen Grundsätzen gemäß eingeübt werden. Zentralisierung und
Uniformierung, durchgesetzt in einem gewaltigen und gewaltsamen
Prozeß der Disziplinierung, haben sich nicht nur kontinuierlich repro¬
duziert, weil sie von gesellschaftlicher Macht bewirkt wurden. Das hätte
nicht gereicht, wenn nicht diese Macht kraft Disziplinierung durch
einen gewaltigen Produktionsschub genährt worden wäre. Das ist
Foucaults These von der „Wertschöpfung der Macht" (M. Foucault 1975,
S. 281), sie wird durch jedes funktionierende Fließband, von diszipli¬
nierten Arbeitskräften betätigt, bestätigt.
Wir können aber heute bereits erkennen, daß jene Eigenschaften, die
die Produktivität der Großinstitutionen der Wirtschaft und des Staates
kennzeichnen, nämlich Zentralisierung und Uniformität, sobald sie den
Gesellschaftszustand generell prägen, mit Mängeln behaftet sind: sie
entsprechen nur unzureichend differenzierten Bedürfnissen, sie versa-
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