Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

Anmerkungen
1 Die internationale Verschuldung hat inzwischen eklatante Maße erreicht. Unproblema¬
tisch wäre diese, würden sich Schulden und Forderungen wechselseitig einigermaßen
saldieren lassen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die einseitigen Schulden stellen nichts
anderes als aufgeschobene Zahlungsverpflichtungen dar, die irgendwann einmal
eingelöst werden müssen. Bislang sind diese Verpflichtungen von vielen Ländern
durch Neuverschuldung hinausgeschoben worden, sogar bis zu der finanztechnischen
absurden Zuspitzung, daß in einigen Fällen (Chile, Brasilien) sogar die Zinsen auf
Altschulden durch Neuverschuldung finanziert werden. Die Einlösung der Zahlungs¬
verpflichtungen kann nur durch Ressourcentransfer - z. B. Importprotektionismus und
Exportoffensive - erreicht werden. Diese Strategie würde - wie schon zu Beginn der
dreißiger Jahre - zu einer Desintegration des Weltmarkts mit krisenverschärfenden
Konsequenzen führen. Polanyi schließt seine Analyse der Weltwirtschaftskrise vor
50 Jahren: .. Es bleibt den Schuldnerstaaten nichts übrig, als in Waren zu zahlen. Seit
1928/29 beginnen sie ihre Ausfuhr zu forcieren. Aus Europa wie aus den überseeischen
Rohstoffländern strömen die um jeden Preis einen Abnehmer suchenden Waren auf
den Weltmarkt. Die Tendenzen zum allgemeinen Preissturz setzen sich 1929 durch, die
Weltwirtschaftskrise steht vor dem Tor. Es kommt zur Kreditkrise 1931, zur Abschnü¬
rung des Welthandels 1932, zur allgemeinen Währungskrise 1933. Die räumliche und
zeitliche Verschiebung des Weltwirtschaftsdefizits hat ihren Kreislauf vollendet. Die
Inflationen haben das soziale Gefüge vielleicht gerettet, aber die Qualen des Heilungs¬
prozesses nur verlängert, ohne sie der Menschheit ersparen zu können." (Polanyi 1979,
S. 80) Nichts wiederholt sich in der Geschichte, und folglich werden die Krisenabläufe
in den 80er Jahren eine andere Gestalt und Reihenfolge haben. Doch die Strukturen der
Weltwirtschaft sind 50 Jahre nach der Krise der 30er Jahre ähnlich. Daher sind die
Ausführungen Polanyis ein Memento crisis!
2 Nach dem konjunkturellen Tief von 1974-1976 folgte 1978-1980 ein neuer Aufschwung,
der viele dazu verleitet hat, die Krise nach dem „Ölschock" als eine „normale"
Konjunkturkrise zu begreifen. Diese Einschätzung war gerade innerhalb der westeuro¬
päischen Gewerkschaftsbewegung verbreitet. Die Strategien der Krisenüberwindung
haben sich folglich lange Zeit auf traditionelle antizyklische Maßnahmen gestützt. Erst
spät wird eingesehen, daß es nicht möglich ist, strukturellen Problemen mit konjunktu¬
rellen Maßnahmen zu begegnen. Jedenfalls ist es wichtig, daß die Depression (als Phase
der Restrukturierung) von konjunkturellen Zyklen der kurzen und mittleren Frist
überlagert sein kann.
3 Diese Technologie hat noch nicht voll absehbare Konsequenzen für gesellschaftliche
Kommunikation, deren Steuerung und Kontrolle, für die Erzeugung, Reproduktion
und Diffusion von Wissen, die Konzentration und Filtrierung von Informationen, für
den Ablauf von Sozialisationsprozessen und die Formen von Partizipation und Herr¬
schaft. Hierzu vgl. die Studie von Nora und Mine (1978) und in der Bundesrepublik die
Arbeiten von Wilhelm Steinmüller. Ich möchte hier einen anderen Apsekt hervorheben.
Wenn man kalkuliert, daß ganze Länder verkabelt werden müssen oder/und ein System
von Satelliten in den Weltraum geschossen werden muß, und daß jeder Haushalt für
Terminal und andere Geräte mehrere tausend Dollar aufwenden muß, um in den
„Genuß" der Leistungen des Systems zu gelangen, dann kann jeder sich leicht eine
Vorstellung von der Größe des Marktes machen, der hier erschlossen werden kann. Ein
darauf gestützter Boom könnte größere Ausmaße annehmen als der Autoboom der 50er
und 60er Jahre, der den Kondratieff-Aufschwung der vergangenen langen Welle
wesentlich getragen hat. Allerdings ist die Euphorie mancher Repräsentanten dieser
neuen Technologien unangebracht. Denn die Nachfrage müßte in Form von Einkom¬
men produziert werden. Die gleiche Technologie, die einen neuen Markt eröffnet,
macht die Arbeitskraft in der Produktion in ebenso großen Ausmaßen überflüssig. Es
ist zu erkennen, daß der neue Aufschwung von neuer Technologie allein gar nicht
getragen werden kann. Aus Maßnahmen wie Arbeitszeitverkürzung bei Lohnausgleich
kann schlechterdings nicht verzichtet werden. Das Problem ist nur, wie das System der
Mehrwertproduktion diese Entwicklung verkraften soll.
4 Ein Beispiel dafür ist die Verschiebung der industriellen Achse in den USA vom „de-
221
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.