Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

II. Der Trend zur Planung
Im Jahr 1945 waren die politischen Voraussetzungen für die Einfüh¬
rung der makroökonomischen Planung in Westeuropa besonders gün¬
stig. Im politischen Meinungsspektrum gab es einen Konsens, der über
die linke Hälfte hinaus in Teile des traditionell-konservativen Lagers
hineinreichte, daß eine Rückkehr zur Wirtschaftsordnung der Zwi¬
schenkriegszeit nicht sinnvoll sei, daß vielmehr die nach dem Krieg
wiederaufzubauende Welt eine neue Wirtschaftsordnung erhalten
müsse. Nicht nur in den sozialdemokratischen Parteien war viel von
einem „Dritten Weg" die Rede. Bei grundsätzlicher Beibehaltung der
Pluralität der Eigentumsformen sollte eine Kombination aus Markt-
und Planwirtschaft gefunden werden, die ein wesentliches Element der
Programmatik des „Dritten Weges" bildete. Die auf politischer und
nationalökonomischer Ebene intensiv geführte Planungsdiskussion
hatte in etlichen Ländern konkrete Schritte zur Folge9.
Unmittelbar nach dem Krieg führten Frankreich, die Niederlande
und Norwegen Systeme einer „zentralen Wirtschaftsplanung" ein.
Großbritannien errichtete 1947 ein „Economic Planning Board".
Die ideell-programmatischen Motive für derartige Schritte waren bei
den verschiedenen politischen Parteien und in den einzelnen Ländern
unterschiedlich10. Politisch entscheidend war das damals vorherr¬
schende Krisenbewußtsein, das nicht nur die Notsituation und den
Weltkrieg widerspiegelte, sondern auch die Erfahrungen der großen
Depression der Zwischenkriegszeit. Die Krise des Kapitalismus wurde
weithin als so fundamental angesehen, daß auch Teile der konservati¬
ven Parteien den Übergang zu bestimmten Formen einer makroökono¬
mischen Planung als unumgänglich betrachteten11.
In der Praxis dienten die neu etablierten Planungsregime neben der
Aufgabe der Mangelbewirtschaftung dem Wiederaufbau, d. h. der Wie¬
derherstellung der Produktionskapazitäten und der Infrastruktur. Es
war von vornherein klar, daß sich innerhalb einer Zeitspanne von fünf
bis zehn Jahren, sobald die Aufgabe des Wiederaufbaus abgeschlossen
sein würde, Zielsetzungen und Methoden der Planung grundlegend
ändern würden12. In der Sicht der Planungstheoretiker (wie Lord
Beveridge oder Gunnar Myrdal) würde die Rückkehr zur Normalität
nicht nur keine Rückkehr zum laissez faire mit sich bringen, sondern zu
einer weiteren Entfaltung der gesellschaftlich-politischen Kontrolle der
Wirtschaft führen.
Solche Erwartungen gründeten sich einerseits auf den Fortschritt der
nationalökonomischen Wissenschaft. Bessere theoretische und empiri¬
sche Kenntnisse der kausalen Relationen zwischen den einzelnen
Variablen, vor allem die Entwicklung von ökonometrischen Modellen,
dazu die Verfügbarkeit von umfassenderen und genaueren statistischen
Informationen über die Wirtschaft würden die Möglichkeiten einer
technokratischen Steuerung und Kontrolle erhöhen.
Gunnar Myrdal sah in der wachsenden Bedeutung einer Kontrolle
von Preisen und Einkommen einen Ansatzpunkt für eine wachsende
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