Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1984 Heft 3 (3)

schaft den Europäern überlassen.
Schäfers Ziel der Auflösung der tradi¬
tionellen Ökonomie in einen rasch
wachsenden, modernen und produk¬
tionswirtschaftlich überlegenen Sek¬
tor - und nicht etwa der Umwandlung
eigener, traditioneller Technik in mo¬
derne - eine Vorstellung die er mit den
orthodoxen (=bürgerlichen) Dualis¬
mustheoretikern teilt, entpuppt sich
als - trotz aller kritischen Ansätze des
Autors - letztlich zu kritiklose Über¬
nahme einseitig vorgeformten Den¬
kens. Dies zeigt sich auch in der Über¬
nahme des Georgescu-Roegen-Ansat-
zes der Subsistenzwirtschaft als Groß-
grundbesitzerwirtschaft, in der der
Großgrundbesitzer aus Menschen¬
freundlichkeit - Schäfer nennt es eine
„kollektive Überlebensstrategie" -
bzw. aufgrund aristokratischer Tugen¬
den die gesamte Bevölkerung zu La¬
sten seines eigenen Einkommens
„durchfüttert", was leider von zu ge¬
ringer Kenntnis historischer und juri¬
stischer Entwicklungen in der Dritten
Welt zeugt. In Gesellschaften in denen
z. B. der „Großgrundbesitzer" ledig¬
lich zum Erhalt von Abgaben, etwa im
Sinne eines Usufruktuars im europäi¬
schen Rechtsschema, berechtigt ist,
„beschäftigt" er ja keine Bauern, son¬
dern ist lediglich ein Kostenfaktor
bäuerlicher Produktion. Das Vordrin¬
gen undifferenzierter europäischer
Betrachtungsweisen, das dieses tradi¬
tionelle Recht in Eigentum in unse¬
rem Sinne verwandelt, führt dann kla¬
rerweise dazu, daß er die Bauern nun
tatsächlich um ihr Eigentum bringt
und diese dann in die Stadt abwan¬
dern müssen. Dies würde der Autor-
nicht zu unrecht - den Prozeß der
Modernisierung nennen.
Schäfers positive Einschätzung der
„Grünen Revolution" verwundert
nicht mehr. Auch hier übersieht er,
daß schon Ende der sechziger Jahre
der damalige FAO-Generaldirektor, A.
H. Boerma, darauf hinwies, daß Ar¬
mut, nicht die Nahrungsproduktion,
der Grund für den Hunger in der Welt
sei, eine Meinung, die sich mittlerwei¬
le auch in Weltbankpublikationen fin¬
det. Schäfer betrachtet daher Fakten
wie das Anwachsen der landlosen Ar¬
beiter von 17,3% der Agrararbeitsbe-
völkerung des Pandschabs 1961 auf
etwa 40% derzeit ebensowenig wie die
horrende Landkonzentration oder den
Umstand, daß rund ein Drittel der
marginalisierten Bauern, deren Zahl
ständig gestiegen ist, unter der indi¬
schen Armutsgrenze leben. Daß die
durch die Grüne Revolution geschaf¬
fenen Arbeitsplätze meist Saisonar¬
beitsplätze (Ernte, Aussaat) sind sowie
daß etliche Entwicklungsforscher in
dieser Zuwanderung von Saisonarbei¬
tern, die zum Teil auch zwischen den
Saisonen bleiben, einen gewichtigen
Faktor für das derzeitige „Sikh-Pro-
blem" sehen, wäre noch hinzuzu¬
fügen.
Auf den letzten neunzig Seiten gibt
der Autor fünf Länderbeispiele (Ja¬
pan, die Sowjetunion, das peronisti-
sche Argentinien, Indien und China).
Klarerweise kann er hier nur gerafft
argumentieren, was manchen Ein¬
wand erlauben würde. Dieser Teil, der
Theorie und Praxis zu verbinden
sucht, ist sehr begrüßenswert, auch
wenn man in manchem mit dem Autor
nicht einer Meinung sein wird. Auch
hier stören manchmal Details. So etwa
wenn der Autor die Gleichheit vor
dem Gesetz unkritisch als Indiz für die
Aufhebung der kastenartigen Klassen
in Japan nimmt - wobei er insbeson¬
dere die Existenz der Burakumin, der
japanischen Spielart der Paria, nicht
beachtet- oder wenn er für Preobra-
zenskij stets die englische Transskrip¬
tion verwendet (wahrscheinlich
schriebe er auch Leonid Brezhnev?).
Ebenso mag es den Leser stören, daß
gelegentlich im Deutschen der Saxon
Genitive verwendet wird.
Insgesamt bietet das Buch eine gute
und keineswegs unkritische Über¬
sicht über die orthodoxen Ideen zur
dualistischen Wirtschaft, viele Anre¬
gungen und interessante Aspekte, so¬
wie eine reiche Literaturliste zum The¬
ma. Das Buch verweist auch auf Pro-
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