Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1984 Heft 3 (3)

bewirkt, sondern die wachsende Apathie und Entfremdung breiter
Teile der Bevölkerung. Zeichnet sich nun eine ähnliche Entwicklung
auch im Westen in den kommenden Jahrzehnten ab?
Niemand wird die Möglichkeit einer solchen Entwicklung leugnen
können. Machtbewußte, hierarchisch geordnete Bürokratien neigen
dazu, sich Privilegien zu arrogieren und sich gegen eine Kontrolle von
„unten" durch institutionelle Barrieren abzuschirmen. Dieser Gefahr
kann man nur dadurch begegnen, daß man Organe der Mitbestimmung
auf allen Ebenen der politischen Willensbildung ins Leben ruft. Bruno
Kreisky hat in einem Kommentar zum jüngsten Parteiprogramm von
der Notwendigkeit der demokratischen Durchflutung aller gesellschaft¬
lichen Sphären gesprochen. In der sich immer stärker herausbildenden
Dienstleistungsgesellschaft wird die kontinuierliche und systematische
Erweiterung unserer demokratischen Institutionen und Lebensformen
der Garant dafür sein, daß wachsender Wohlstand mit größerer indivi¬
dueller Freiheit einhergeht, und umgekehrt, daß zunehmende Freiheit
auch mit einem Plus an Wohlstand verbunden sein kann. Es scheint
nicht überflüssig hinzuzufügen, daß gesellschaftlicher Wohlstand nicht
notwendigerweise an der Zahl der konsumierbaren Güter, sondern weit
eher an dem Ausmaß der verfügbaren Freizeit erkennbar und vielleicht
auch meßbar ist. Um mit einem Wort von Karl Marx zu schließen: „Das
Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch
Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der
Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen
Produktion." (Das Kapital, Volksausgabe, Berlin 1949, Bd. III, S. 873)
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