Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 1 (1)

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durch eine Art Schocktherapie beseitigt werden sollen. Zwi­
schen den in Polen und in der Tschechoslowakei bevorzugten 
Vorgangsweisen sind aber auch beträchtliche Unterschiede 
erkennbar. Die Wirtschaftspolitik Polens nimmt eine vor­
übergehende Hyperinflation in Kauf, um eine neue, die 
Kosten und die Marktverhältnisse zum Ausdruck bringende 
Preisstruktur herzustellen, wobei über den Erfolg dieser 
Strategie erst Ende dieses Jahres ein (immer noch vorläufi­
ges) Urteil möglich sein wird - bis dahin soll nach dem 
Konzept die Inflation wieder zum Stillstand gebracht werden. 
Offenbar abgeschreckt durch das Beispiel der polnischen 
Inflation betonen die tschechischen Ökonomen und Wirt­
schaftspolitiker den Vorrang der Preisstabilität und die Not­
wendigkeit einer stark restriktiven monetären Politik. 
Gleichzeitig haben diejenigen tschechischen Ökonomen, 
deren Konzepte jetzt die Wirtschaftspolitik bestimmen, aus­
drücklich für eine Schocktherapie zur Korrektur der beste­
henden Ungleichgewichte plädiert. Unternehmens- und 
Preissubventionen sollen radikal eliminiert werden, wodurch 
auch das Budgetdefizit gesenkt wird. 
Wenn sich so bei dem im Rahmen der früheren "Reform"­
Versuche unlösbaren Problem der Preisreform nunmehr eine 
rasche und grundlegende Veränderung der Situation abzeich­
net, so trifft dies auf die Frage der Neugestaltung der Eigen­
tumsverhältnisse deutlich weniger zu. Zwar werden überall 
Maßnahmen zur Wiedereinführung des Privateigentums an 
Unternehmungen aller Produktionszweige und Größenord­
nungen gesetzt und v. a. die rechtlichen Voraussetzungen 
dafür geschaffen. Kurzfristige Auswirkungen der neu 
geschaffenen Rahmenbedingungen sind in Form der Grün­
dung von privaten Klein- und Mittelbetrieben zu erwarten, 
für die offenbar ein beträchtliches Potential vorhanden ist. 
Hingegen wird die Privatisierung der Industrieunternehmun­
gen, der Banken und sonstigen Großunternehmungen einen 
längeren Zeitraum in Anspruch nehmen. Eine rasche Erhö­
hung des privaten Anteils ist in erster Linie durch den 
Verkauf an ausländische Konzerne möglich. Die neuen 
Regierungen bemühen sich intensiv um Direktinvestitionen 
aus dem Ausland, die vielfach bestehenden Obergrenzen und 
Einschränkungen für Beteiligungen sind fast überall bereits 
abgeschafft worden. Jedoch erscheint ein Überwiegen des 
Auslandskapitals weder realistisch noch Ziel der neuen 
Regierungen zu sein. Der Verkauf von Staatsunternehmun­
gen an Inländer setzt eine Erhöhung der Ersparnisbildung 
voraus. Die Entwicklung eines klein- und mittelbetriebliehen 
Unternehmensbereiches wird die Erhöhung der Sparquote 
begünstigen, aber für eine rasche Umwälzung der Eigentums­
anteile an den Großunternehmungen wird dies vermutlich
        

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