Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

ESSEN OHNE ZU ARBEITEN? Rezension von: Georg Vobruba, Arbeiten und Essen. Politik an den Grenzen des Arbeitsmarkts, Passagen Verlag Ges. m. b. H., Wien 1989, 245 Seiten, öS 268,- Soll es eine Grundversorgung durch die Gesellschaft geben, ohne arbeiten zu müssen? Dies ist die zentrale Frage der vorliegenden Arbeit von Georg Vobruba. Er geht davon aus, daß sich im Laufe der kapitalistischen Ent­ wicklung das Verhältnis von Arbeiten und Essen stark gewandelt hat. Gab es zu Beginn eine ganz enge Verbindung von Arbeiten und Essen ("Wer nicht arbeitet, soll auch nichts essen"), lok­ kerte sich diese spätestens mit dem Ausbau des Sozialstaates. Hier heißt es nun: "Wer essen will, muß wenig­ stens (lohn-)arbeitsbereit sein (oder lange genug gearbeitet haben)." In der dritten Phase kommt es nach Vobruba dann zu einer Entflechtung von Arbeit und Essen. Diese Reihenfolge ist aber keine zufällige. Da in jeder dieser Pha­ sen Instabilitäten angelegt sind, füh­ ren sie schließlich zur nächstfolgen­ den. Oder mit Vobruba ausgedrückt: "Wir stehen heute in der Spätphase der Gültigkeit der zweiten Antwort, des bedingten Nexus von Arbeiten und Essen. Was ansteht, ist, die unbe­ dingte Entflechtung von Arbeiten und Essen gesellschaftlich zu organisieren. Im dritten Schritt geht es also nicht um eine Prognose, sondern um den Nachweis der Aktualität und Brisanz einer gesellschaftspolitischen Auf­ gabe." Vobruba leitet die vorliegende Stu­ die mit der These ein, daß sich der Arbeitsmarkt wesentlich von Güter­ märkten unterscheidet. So existieren außerhalb des Arbeitsmarktes Fakto­ ren, die den Umfang des Arbeitskräf­ teangebots entscheidend beeinflus­ sen. Weder sind für die Geburt und das Aufziehen von Kindern arbeits­ marktökonomische Motive maßge­ bend, noch dominieren sie sozio-kul­ turelle Werthaltungen wie beispiels­ weise die Nichterwerbstätigkeit von Frauen. Ein Überangebot am Arbeits­ markt führt zwar wie bei den Güter­ märkten zum Preisverfall, die niedri­ gen Löhne führen aber nicht zur Ver­ ringerung der Angebotsmenge. Das genaue Gegenteil tritt ein: Um das individuelle Einkommen möglichst zu erhalten, wird sich jeder Arbeitende bemühen, den Preisverfall durch ein Mehrangebot an Arbeitskraft auszu­ gleichen. Bei einem sinkenden Preis wird somit nicht weniger, sondern mehr angeboten. Die Situation wird dadurch für alle Arbeitenden ver­ schlechtert. Ein Weg aus diesem Ge­ fangenendilemma, wie Vobruba es nennt, kann nur auf der politischen Ebene gefunden werden. Entweder "indem der fehlende ökonomische Verknappungsmechanismus auf der Angebotsseite des Arbeitsmarkts durch kollektive Regulierung ersetzt wird, oder (und) indem den Arbeits­ kräften die ihnen fehlenden Alterna­ tivoptionen zum Arbeitsmarkt poli­ tisch ersetzt werden. Ersteres läuft auf die Notwendigkeit von Arbeitszeitver­ kürzung, letzteres auf die Universali­ sierung materieller Existenzsicherheit hinaus". Vobruba bejaht in der Folge ­ nicht zuletzt um das Arbeitskräftean­ gebot zu verknappen- die N otwendig­ keit von Arbeitszeitverkürzungen. Ar­ beitszeitverkürzungen sind aber auch notwendig, um die zunehmenden Wünsche nach Flexibilisierung der Arbeitszeit im Interesse der Beschäf­ tigten lösen zu können. Die entschei­ dende Frage bei der Arbeitszeitflexibi­ lisierung ist, wer wählen kann, wie lange und wann gearbeitet wird. Die Beschäftigten oder die Arbeitgeber? "Beide Möglichkeiten haben außer dem Wort Flexibilisierung nicht viel 457

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