Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

lukrativen Posten eines Zollkommissars von Schottland anzutreten. 
Die ihm verbleibende Zeit nutzt er vorwiegend zur Arbeit an Neuaufla­
gen seiner beiden Hauptwerke. 
Smith ist es nicht mehr vergönnt, seine schriftstellerischen Pläne zu 
verwirklichen. Er stirbt am 17. Juli 1790 in Edinburgh. Wenige Tage vor 
seinem Tod bittet er seine Freunde J oseph Black und J ames Hutton, 
seine umfänglichen Vorarbeiten zu den genannten Projekten und 
sonstigen Manuskripte zu verbrennen. Hunderte von Seiten, kompiliert 
in sechzehn Bänden, sollen vor seinen Augen ein Raub der Flammen 
geworden sein. Von der Vernichtung sind nur wenige Texte ausgenom­
men. Sie werden von Black und Hutton 1795 als Essays on Philosophical 
Subjects herausgebracht. 
Trotz dieses für die Nachwelt schmerzlichen Verlustes ist das überlie­
ferte Werk Smiths großartig. Wenige andere Werke können sich mit ihm 
messen. Sein Autor, bekannt als sprachgewaltiger Verfechter der 
segensreichen Wirkungen der Arbeitsteilung, erweist sich darin als 
homo universalis der Gesellschaftswissenschaften: Moralphilosoph, 
Sprach- und Literaturwissenschaftler, politischer Ökonom, Soziologe, 
Wirtschafts- und Sozialhistoriker, Rechtstheoretiker, Geschichtsphilo­
soph und Kunsttheoretiker in einer Person. Geschrieben hat er zudem 
u. a. über Astronomie, Physik, Logik und Metaphysik. 
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Grundlage der Smithschen Gesellschaftstheorie ist die in der TMS im 
Rahmen eines Diskurses über Ethik entfaltete philosophische Anthro­
pologie. Im Kern geht es um die alte Frage nach der Beschaffenheit der 
menschlichen Natur und ihrer Eignung für ein Leben in Gesellschaft. 
Smith zufolge bedarf es keiner allmächtigen kirchlichen oder weltli­
chen Macht, die mit eisener Faust die Leidenschaften des Menschen in 
Zaum hält. Vielmehr habe eine gütige Vorsehung Vorkehrungen dafür 
getroffen, daß der Mensch seinen Affekten im allgemeinen selbst 
Schranken setzt. "Für wie selbstsüchtig man den Menschen auch halten 
mag, in seiner Natur finden sich offenbar Züge, die ihm das Geschick 
anderer angelegen sein lassen." Die Hobbessche Spekulation, daß ohne 
Leviathan, König der Kinder des Stolzes und sterblicher Gott, ohne die 
unbegrenzte Macht eines Souveräns, ein Rückfall in den Naturzustand 
und damit den Kampfomnium contra omnes unausweichlich sei, wird 
von Smith zurückgewiesen; sie beruhe auf einer Fehleinschätzung der 
menschlichen Natur. 
Smiths Argument, in dessen Zentrum das Konzept der Sympathie 
steht, läßt sich wie folgt kurz zusammenfassen. Unter Sympathie ist die 
Fähigkeit des Menschen zu verstehen, die Motive und Handlungen 
anderer Personen zu beurteilen, indem er sich gedanklich in ihre Lage 
versetzt und fragt, wie er sich an ihrer Stelle verhalten würde. Dies 
betrifft insbesondere auch Handlungen, die Folgen für Dritte haben. In 
diesem Fall bezieht sich das Urteil des Betrachters, des spectators, 
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