Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

bezüglich der Billigkeit oder Unbilligkeit von Handlungen sowohl auf 
die Aktion als auch die dadurch ausgelöste Reaktion. Über die intrapsy­
chische Reflektion, die hypothetische Teilung in zwei Personen -
Betrachter bzw. Richter einerseits sowie Akteur, dessen Verhalten 
geprüft wird, andererseits - kommt es zur Bildung moralischer Urteile 
und zur Einübung sozialen Verhaltens. Dieser Prozeß ist vor dem 
Hintergrund folgender Disposition des Menschen zu sehen: "Als die 
Natur den Menschen für die Gesellschaft formte, stattete sie ihn mit 
einem ursprünglichen Wunsch aus, zu gefallen, und einer ursprüngli­
chen Abneigung, seinen Mitmenschen zu mißfallen." 
Die genannten Dispositionen reichen jedoch noch nicht hin, um ein 
genügendes Maß an Selbstkontrolle zu gewährleisten, und zwar vor 
allem aus zwei Gründen. Zum einen kann nicht davon ausgegangen 
werden, daß dem Betrachter des Verhaltens anderer Personen deren 
Motive wohlbekannt sind oder auch nur sein können. Zum anderen: 
Trifft es nicht zu, daß der Mensch als eigennütziges Wesen voreinge­
nommen ist, sobald es um die Beurteilung seiner eigenen Handlungen 
geht? 
Smith löst das Problem der mangelhaften Information kombiniert 
mit Parteilichkeit unter Verweis auf die Bedeutung menschlicher 
Kommunikation und Verständigung und die zentrale Rolle der Instanz 
des idealen, unparteiischen Betrachters, des Impartial Spectator, bei 
der Bildung moralischer Urteile. Tatsächlich, so sein Argument, neigen 
wir dazu, uns zu fragen, zu welchem Schluß ein über unsere Motive 
vollständig informierter und überdies unvoreingenommener Betrachter 
bezüglich unseres Verhaltens gelangen würde, und richten unser eige­
nes Urteil daran aus. Wir hören auf die Stimme der "Vernunft, des 
Prinzips, des Gewissens, des Bewohners unserer Brust, des Wesens in 
uns, des großen Richters und Unparteiischen unserer Lebensführung." 
Wann immer wir mit unseren Taten das Glück anderer beeinträchtigen, 
erinnert uns die innere Stimme daran, "daß ein jeder von uns nur einer 
von vielen ist und in keiner Hinsicht besser als die anderen." Unser 
Wunsch zu gefallen und anerkannt zu werden ist daher nicht bloß eitel: 
Unserem Streben nach Lob liegt ein Streben danach, lobenswert zu 
sein, zugrunde. Der Substanz nach besteht Smiths ethische Doktrin aus 
einer Kreuzung stoischer mit christlichen Tugenden. 
Die Fähigkeit des Menschen, aus partikulären Erfahrungen durch 
Abstraktion generelle Verhaltensnormen zu gewinnen und diese zu 
kommunizieren, führt schließlich zur Herausbildung allgemeiner 
Regeln der Moralität. Trotz der skizzierten Neigung der Menschen zur 
Selbstkontrolle weiß Smith sehr wohl die Rolle eines Rechtssystems als 
Vorbedingung sozialer Ordnung zu schätzen. Ein derartiges System 
habe insbesondere die geltenden Gerechtigkeitsvorstellungen zum 
Ausdruck zu bringen und sei von der Regierung bzw. den Gerichten 
durchzusetzen. 
Als Resultat gesellschaftlicher Interaktion und der dabei gesammel­
ten Erfahrungen sind die Moralvorstellungen nicht unabhängig von 
Raum und Zeit. Erfahrungsgemäß unterliegen sie in Abhängigkeit von 
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