Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

einer gut regierten Gesellschaft zu allgemeinem Wohlstand führt, der bis in die untersten Schichten des Volkes reicht." Kurz gesagt: Den Angehörigen der Arbeiterschaft geht es im Durchschnitt schlechter als den Angehörigen der anderen Klassen, aber unter den Bedingungen einer "liberalen Ordnung von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit" besser als in allen vergleichbaren Wirtschafts- und Gesellschaftsyste­ men. Mit der materiellen Besserstellung eröffnet sich ihnen zugleich die Chance einer allmählichen Verfeinerung der Lebensart und Sublimie­ rung der moralischen Empfingungen - eine Chance, die in anderen Gesellschaften einer kleinen Kaste privilegierter Aristokraten und Kirchenmänner sowie deren Entourage vorbehalten ist. Die Selbstsucht und Habgier der Besitzenden erweist sich so als Quelle gesellschaftli­ chen Fortschritts. V In ungezählten Darstellungen wird Smith als doktrinärer Vertreter des Laisser-faire gezeichnet. Zu Unrecht, wie bereits den bisherigen Ausführungen zu entnehmen ist. Seine heftige Kritik an zahlreichen Staatseingriffen und sein emphatisch vorgetragenes Plädoyer zugun­ sten der Ausdehnung individueller Freiheitsspielräume in Wirtschaft und Gesellschaft darf nicht den Blick dafür verstellen, daß er ein weites Feld für staatliche Aktivität sah, das abhängig von den jeweiligen historischen Bedingungen zu definieren ist. Smiths Kritik richtet sich nicht gegen Staatsinterventionen schlechthin, sondern gegen von ihm für schädlich gehaltene Interventionen. Grundsätzlich habe der Staat nur solche Aufgaben zu übernehmen, die von den Privaten entweder nicht oder nur weniger effektiv wahrge­ nommen werden können. Der Souverän, lautet eine berühmte Passage, habe sich aller Pflichten zu entledigen, "zu deren angemessener Erfül­ lung keine menschliche Weisheit und kein Wissen je ausreichen könn­ ten - der Pflichten nämlich, den Fleiß der Privatpersonen zu überwa­ chen und ihn in jene Beschäftigungszweige zu lenken, die den Interes­ sen der Gesellschaft am förderlichsten sind". Im allgemeinen löse der Markt das Allokationsproblem weit besser, und der Wettbewerb sei überdies ein probates Mittel zur Beschränkung individueller Macht. Nur dort, wo der Markt versage, wie bei gewissen öffentlichen Arbeiten und gegebenenfalls bestehenden Tendenzen zur Monopolbildung, seien Staatseingriffe gerechtfertigt. Eine wichtige Aufgabe der Regierung bestehe darin, alle bestehenden Hindernisse eines reibungslosen Funktionierens der Ökonomie aufzu­ spüren und zu beseitigen. Dazu zählen anreiz- und leistungshemmende Regulierungen und Institutionen aller Art: einzelnen Mitgliedern oder Gruppen der Gesellschaft eingeräumte Privilegien ebenso wie anderen gegenüber verfügte Diskriminierungen, staatliche Monopole ebenso wie tarifäre und nicht-tarifäre Handelshemmnisse, usw. Diese seien durch institutionelle Arrangements zu ersetzen, die nicht im Wider­ spruch, sondern im Einklang mit den Motiven und Interessen der 331

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