Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

auf, denen eine grobe Typisierung wie die obige nicht Rech­
nung tragen kann. Zudem veränderten sich die realen Ver­
handlungssysteme während der siebziger und achtziger 
Jahre, näherten sich mehr dem integrierten oder mehr dem 
fragmentierten Typ. Für eine allgemeine Diskussion der 
Wirkungsweisen von Verhandlungssystemen ist eine grobe 
Typisierung jedoch sinnvoll. 
Herausforderung durch die Ölschocks 
Die Leistungs- und Anpassungsfähigkeit dieser beiden 
institutionellen Systeme wurde seit Mitte der siebziger Jahre 
insbesondere durch die beiden Energiepreisschocks auf die 
Probe gestellt. Die Folgen dieser exogenen Angebotsschocks 
waren jeweils ein importierter Inflationsschub, die Ver­
schlechterung der Terms of Trade und eine Verlangsamung 
des Produktivitätsfortschritts. Für die Einkommenspolitik 
bedeutete dies, daß sich der in bezug auf die funktionelle 
Einkommensverteilung neutrale "Reallohnspielraum", der 
dem um den Terms-of-Trade-Effekt bereinigten Zuwachs der 
gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität entspricht, ver­
ringerte. Da der tatsächliche Reallohnzuwachs unmittelbar 
nach den Schocks diesen eingeengten "Reallohnspielraum" 
überschritt, standen die einkommenspolitischen Akteure vor 
der unangenehmen Aufgabe, die entstandene positive "Real­
lohnposition" (real wage gap) möglichst rasch abzubauen. 
Vergleichende Untersuchungen, darunter die umfassende 
Studie der OECD "Structural Adjustment and Economic 
Performance", gelangten übereinstimmend zu dem Ergebnis, 
daß es innerhalb Europas den Ländern mit einem sozialpart­
nerschaftliehen Verhandlungssystem rascher als jenen mit 
einem fragmentierten System gelang, die NominaHöhne an 
die im Gefolge der Ölpreisschocks verringerte gesamtwirt­
schaftliche "ability to pay" (verschlechterte Austauschver­
hältnisse, langsameres Produktivitätswachstum) anzupassen. 
Während sich in den korporatistischen Ländern die Nominal­
löhne als flexibel in bezug auf Produktivität und Terms of 
Trade erwiesen, blieben derartige Anpassungsprozesse in der 
anderen Ländergruppe aus. In den erstgenannten Ländern 
war weiters die Reagibilität der Löhne auf Arbeitslosigkeit 
größer. Schließlich erfolgte dort auch die Reallokation von 
Arbeitskräften angesichts von strukturellem Wandel in der 
Zusammensetzung der Nachfrage und von technischen 
Neuerungen rascher. 
In Österreich stellte und stellt die sozialpartnerschaftliehe 
Einkommenspolitik ihre Leistungsfähigkeit nachhaltig unter 
Beweis. Nach den Ölkrisen paßten sich die Reallöhne inner-
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