Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

halb von jeweils nur zwei bis drei Jahren der reduzierten 
Arbeitsproduktivitätssteigerung und den ungünstigeren 
Terms of Trade an. Auf längere Sicht wies die Österreichische 
Wirtschaft somit nahezu keine Reallohnpositionen auf. Die 
Nominallohnabschlüsse erfolgten unter Bedachtnahme auf 
die Beschäftigungsentwicklung. Diese makroökonomische 
Lohnflexibilität hat zudem mit dem Anstieg der Arbeitslosig­
keit in der ersten Hälfte der achtziger Jahre nicht abgenom­
men, sondern eher zugenommen. 
Die Länder mit zersplittertem Lohnverhandlungssystem 
schneiden, was die Flexibilität des Arbeitsmarktes sowohl in 
makro- wie auch in mikroökonomischer Hinsicht betrifft, am 
schlechtesten ab. Dort gelang es nicht, die Nominallöhne an 
die verringerte gesamtwirtschaftliche Zahlungsfähigkeit 
anzupassen. Hohe "real wage-gaps" öffneten sich mit der 
ersten Ölkrise und währten bis in die frühen achtziger Jahre. 
Verschiedenste wirtschaftspolitische Maßnahmen gelangten 
zur Anwendung, um die negativen Folgen (Lohn-Preis-Spira­
len, steigende Arbeitslosigkeit) der mangelnden Anpassungs­
leistung der Arbeitsmarktinstitutionen zu beheben. Weder 
Indexierungsmechanismen noch staatliche Eingriffe in die 
Lohnverhandlungen vermochten die kosteninflationäre 
Dynamik zu brechen. Abwertungen verbesserten vorüberge­
hend die internationale Konkurrenzposition, gaben aber der 
binnenwirtschaftlichen Inflation neue Impulse, wodurch sich 
bald die Abwertungsfrage neuerlich stellte usw. Diese Teu­
felsspiralen waren letzten Endes nur durch scharfe Restrik­
tionspolitik, die schwere Beschäftigungs- und Wachstums­
verluste mit sich brachte, zum Stillstand zu bringen. 
Ursachen der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit 
Worin liegen die Ursachen für die überlegene Anpassungs­
leistung sozialpartnerschaftlicher Systeme? Ein in diesem 
Zusammenhang ausschlaggebendes Charakteristikum sind 
die Verhandlungen umfassender Verbände auf zentraler 
Ebene. 
1. Mit der Anpassung der Nominallohnzuwächse an die 
verringerte gesamtwirtschaftliche "ability to pay" war sowohl 
eine Gefangenendilemma-Situation als auch die Problematik 
eines öffentlichen Guts verbunden. 
Das Gefangenendilemma: alle Einzelgewerkschaften wür­
den aus einer generell moderaten (d. h. die gesamtwirtschaft­
lichen Bedingungen berücksichtigenden) Lohnentwicklung 
Nutzen ziehen. Gleichzeitig müßte jede einzelne Gewerk­
schaft, welche Lohnzurückhaltung übte, während die übri­
gen weitgehende Lohnforderungen stellten und durchsetz-
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