Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 4 (4)

sich mehrheitlich von der traditionel­
len Politik ab und der anarchistischen 
Aufstandsbewegung zu. 
In der folgenden Epoche der Re­
staurationsmonarchie lösten einander 
zwei Fraktionen der Oligarchie (Kon­
servative: Adel, Großgrundbesitzer; 
Teile des Bürgertums; Liberale: Han­
dels- und lndustriebürgertum; Mili­
tärs) regelmäßig durch ein ausgeklü­
geltes Manipulationssystem in der Re­
gierung ab. Ein überaus restriktives 
Zensuswahlrecht schränkte den Ein­
fluß von Republikanern und Soziali­
sten wesentlich ein. 
Spanien blieb auch im letzten Vier­
tel des 19. Jahrhunderts eine ganz 
überwiegend agrarische Gesellschaft: 
noch in den 1880er Jahren waren mehr 
als siebzig Prozent der Erwerbstätigen 
in der Landwirtschaft tätig. Die Indu­
strialisierung beschränkte sich auf 
drei periphere Regionen. Die tradi­
tionsreiche katalanische Textilindu­
strie durchlief eine weitere Wachs­
tumsphase. Der Bergbau Asturiens 
und in der Folge die dortige Metallin­
dustrie profitierten vom massiven 
Einstrom ausländischen Kapitals ab 
1868. Um die Jahrhundertwende ent­
stand im Eisenerzgebiet der baski­
schen Provinz Vizcaya eine moderne 
Stahlindustrie. Das Baskenland stieg 
damit zur führenden Industrieregion 
Spaniens auf. 
Die Krise des Restaurationssystems 
begann mit dem Verlust der Kolonien 
(Kuba, Philippinen) im Jahre 1898. 
Die ideologische Hegemonie der Oli­
garchie zerbrach. Die zunehmende 
Zersplitterung der politischen Partei­
en verhinderte stabile Regierungen. 
Zwischen 1898 und 1923 lösten einan­
der in rascher Folge nicht weniger als 
44 Kabinette ab. 
In den innerpolitischen Konflikten 
über den Kolonialkrieg in Marokko 
wurde die wachsende Polarisierung 
der Gesellschaft manifestiert. Die Ar­
beiter brachten kein Verständnis da­
für auf, daß sie für die imperialisti­
schen Abenteuer unfähiger Militärs 
den Kopf hinhalten sollten. Der aus 
diesem Grund ausgerufene General­
streik im Juli 1909 eskalierte zu einem 
bewaffneten Aufstand, den das Militär 
brutal niederschlug ("Tragische 
Woche"). 
Das Militär als Bollwerk der Oligar­
chie gegen die radikalisierte Arbeiter­
bewegung und die neu entstandenen 
nationalistischen Strömungen in Ka­
talonien und im Baskenland schob 
sich immer mehr in den Mittelpunkt. 
Durch das mehrfache Nachgeben ge­
genüber Ultimaten des Offizierskorps 
ordnete sich die Zivilregierung de fac­
to dem Militär unter. In der Staatskri­
se der Jahre 1917 bis 1923 brach das 
konstitutionelle Restaurationssystem 
zusammen. Die Krone gab ihre Zu­
rückhaltung bei der Ausübung ihrer 
Vorrechte auf. König Alfons XIII. 
wandte sich von den politisch gelähm­
ten bürgerlichen Parteien ab und setz­
te Militärs an die Spitze von Über­
gangsregierungen. 
Der Putsch von Primo de Rivera 
1923 war die logische Konsequenz der 
vom Militär errungenen Autonomie 
und des Versagens der zivilen Politi­
ker bei der Lösung der Staatskrise 
und der Eindämmung der sozialen 
Konflikte (Bürgerkrieg in Katalonien, 
Agraraufstände in Andalusien). 
Auch Primo de Riveras Experiment 
einer "autoritären Modernisierung" 
des Landes unter Erhaltung der Privi­
legien der Oligarchie scheiterte. Die 
Hoffnungen des liberalen Bürgertums 
und des sozialistischen Flügels der 
Arbeiterbewegung auf durchgreifen­
de Reformen wurden enttäuscht. In 
den Gemeindewahlen des Jahre 1931 
errang das Bündnis aus Republika­
nern, Sozialisten und linken Katala­
nen die Mehrheit. Mit der Ausrufung 
der Zweiten Republik begann der Ver­
such, die überkommenen politischen 
und sozio-ökonomischen Strukturen 
grundlegend zu ändern. Das Ende ist 
bekannt. 
Bis zu Francos Tod (1975) blieb Spa­
nien ein "Land der halben Entwick­
lungen". In keiner der vorhergegange­
nen Epochen stimmten der politische 
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