Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

Verfassung des "Veitstages") interes­
sante Darlegungen. 
Für den Bezug zur Gegenwart läßt 
sich daraus erkennen, daß sich der 
Zerfall des Habsburgerreiches trotz 
denkbar ungünstiger Gegebenheit re­
lativ geordnet vollzog. Dies war offen­
sichtlich dem Umstand zuzuschreiben, 
daß die zuletzt gewählten Reichsrats­
abgeordneten der verschiedenen Na­
tionalitäten bereits eine aktive und er­
fahrene politische Führungsschicht 
repräsentierten, welche die Gestaltung 
der neuen Staatsgebilde übernehmen 
konnte. Dazu kam, daß die bisherige 
Verwaltung ihre Arbeit im großen und 
ganzen unverändert fortsetzte, und 
schließlich vollzogen die jeweiligen 
nationalen Teile der ehemaligen k. u. 
k. Armee ziemlich reibungslos den 
Ordnungsdienst, wiewohl diese bis zu­
letzt der Monarchie loyale Dienste ge­
leistet hatte. Sicherlich ist nicht zu 
übersehen, daß der letzte Monarch 
diese Entwicklung dadurch begünstig­
te, daß er vorerst keinen Versuch un­
ternahm, seine Position - gewaltsam ­
zu verteidigen. 
Komplikationen ergaben sich ange­
sichts der engverzahnten nationalen 
Siedlungsgebiete in der Grenzziehung 
sowie solche spezifischer Art in einzel­
nen Nachfolgestaaten. So zeitigt of­
fensichtlich die Politik des Königrei­
ches Serbien in Richtung eines zentra­
listischen Einheitsstaates Jugoslawien 
unter serbischer Dominanz bis in die 
Gegenwart fatale Folgen. Die Proble­
me an der Österreichischen Südgrenze 
führten sogar zu militärischen Ausein­
andersetzungen, konnten jedoch auch 
durch eine bemerkenswert erfolgrei­
che amerikanische Studien-Mission 
geklärt werden. Diesem Problemkreis 
sind Arbeiten von C. Fräss-Ehrfeld 
(Kärnten 19 18-1920.  Das Selbstbe­
stimmungsrecht auf dem Prüfstand), 
T. Domej (Anmerkungen zur Kärntner 
Volksabstimmung 1 920),  E. Brix (Zur 
untersteirischen Frage in der Nationa­
litätenstatistik), S. Beer/E. G. Stau­
dinger (Grenzziehung per Analogie. 
Die Miles-Mission in der Steiermark. 
262 
Jänner 1919 .  Eine Dokumentation) 
und St. Karner (Die untersteirische 
Unternehmerschaft 19 17/1920.  Konti­
nuitäten und Brüche) gewidmet. 
Leise Irritation befällt den Leser 
während der Lektüre dieser interes­
santen Beiträge nur insoweit, als er 
aus jenen der Österreicher zumindest 
implizit den Eindruck erhält, mit der 
untersteirischen Grenzziehung sei 
Österreich ein Unrecht zugefügt wor­
den. Nun war die Festlegung einer sol­
chen Grenze sicherlich äußerst 
schwierig, doch scheint es wohl nicht 
abwegig, daß eine Region, die 1910  
nach den Österreichischen Statistiken 
zu 83 Prozent von Slowenen bewohnt 
war, Jugoslawien zugeschlagen wurde 
- auch wenn Marburg vorwiegend 
deutsche Einwohner hatte. Und die 
Kärntner Volksabstimmung von 1920 
stellte ja insofern eine Begünstigung 
Österreichs dar, als damit vom - stati­
stischen - Nationalitätenprinzip zu­
gunsten der Selbstbestimmung abge­
gangen wurde, da in der Abstim­
mungszone ja zweifelsfrei die Slowe­
nen in der Überzahl waren. 
Schmerzlich spürbar werden die Ir­
ritationen jedoch dann, wenn in die­
sem Buch mehrfach die weitverbreite­
te Meinung von der stabilisierenden 
Funktion durch die k. u. k. Monarchie 
in Europa expliziert wird. Erstens ist 
es unzulässig, einen offenkundigen so­
zio-politischen Nachholprozeß in die­
ser Weise zu bewerten, zweitens ist die 
Aussage einfach falsch. Denn gerade 
die unzeitgemäße politische Struktur 
der Monarchie war es ja letztlich, wel­
che dazu führte, daß eben dieser Staat 
den 1 .  Weltkrieg mit allen seinen fata­
len Folgen auslöste ! 
Die dritte Gruppe der Studien be­
schäftigt sich mit den wirtschaftlichen 
Konsequenzen des Kriegsendes in die­
ser Region. St. Karner gibt einen um­
fassenden Überblick über die ökono­
mischen Gegebenheiten in Österreich 
zu dieser Zeit (Problemfelder des wirt­
schaftlichen Aufbaus in Österreich 
1 918/19).  G. M. Dienes schildert die 
Nachkriegsprobleme der Südbahn so-
        

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