Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

men durch die öffentliche Hand ver­
schwimmen. Im Falle der argentini­
schen Eisenbahnen kann Sutter sich 
nicht entscheiden, ob diese nun profi­
table und produktive Investitionen (S. 
225, 231)  waren oder nicht (S. 205,  
207) -man findet daher beide Behaup­
tungen gleichberechtigt im Buch. 
Ein Vergleich der unterschiedlichen 
Verschuldungsstruktur in der Zwi­
schenkriegszeit und heute sowie Über­
legungen, welche Auswirkungen dies 
haben könnte, fehlen - trotz Kapitel 
3 .5  "Das Muster der Schuldenregelung 
und sein Wandel" - gänzlich. Für 
Schuldenreduktionen könnte es von 
Bedeutung sein, ob es um von vielen 
Privaten gehaltene Anleihen oder das 
Geld relativ weniger Banken geht, ob 
das Land aufgrund riesiger Disagi und 
Gebühren nur Bruchteile vom Nomi­
nale erhält oder der Kredit voll ausbe­
zahlt wird. Werden nur 50% des An­
leihenominales tatsächlich von den 
Gläubigern aufgebracht, so ist eine 
Schuldenreduktion auf 75% des No­
minales kein effektiver Forderungs­
verzicht. 
Die Kapitalflucht wird praktisch 
nicht behandelt, dafür verblüfft die 
Behauptung "autoritaristische Regi­
mes" verschuldeten sich "eher selten" 
im Ausland (s. 231 }  - offenbar wurde 
272 
der Schuldenberg Lateinamerikas von 
Militärdemokratien aufgehäuft. Das 
äußerst interessante Indonesienab­
kommen fehlt ebenfalls, obwohl es in 
dem sehr bekannten Buch Kampff­
meyers exzellent dargestellt wurde. 
Abschließend seien noch einzelne 
weitere Punkte kurz angeführt, die 
zeigen, daß man sich auf die Darstel­
lungen Sutters nicht verlassen sollte. 
Die Veränderung der Austauschver­
hältnisse kann nicht einfach "stellver­
tretend" für die Veränderung der Ex­
porteinkünfte (S. 103) genommen wer­
den. Die Sowjetunion war hinsichtlich 
der Schulden des zaristischen Ruß­
lands nicht simpel zahlungsunfähig (S. 
276} ,  sondern hat diese auch dem 
Grunde nach zurückgewiesen. Man 
wird auch annehmen müssen, daß Bul­
garien bei Kriegseintritt 1915  seinen 
Kriegsgegnern gegenüber eher zah­
lungsunwillig als zahlungsunfähig (S. 
242) war. Die Behauptung, es habe in 
der gegenwärtigen Schuldenkrise 
"bislang" keine Schuldenerleichte­
rungen gegeben (S. 130) ,  ist (auch 
1 988 geschrieben) schlicht falsch. 
Kurzer Sukkus dieser Besprechung: 
Das Thema ist gut, das Buch leider 
nicht. 
Kunibert Raffer
        

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