Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

INDUSTRIELLE BEZIEHUNGEN 
IN JAPAN 
Rezession von: Manfred H. Bobke, 
Wolfgang Lecher: Arbeitsstaat Japan, 
Schriftenreihe der Otto-Brenner-Stif­
tung: Band 49,  Bund-Verlag, Köln 
1 990,  DM 30,-
"Anspruch auf bezahlten Erho­
lungsurlaub hatte ein japanischer Ar­
beitnehmer nach dem Arbeitsstan­
dardgesetz erst im zweiten Jahr der 
Beschäftigung, und zwar insgesamt 
6 Tage. Seit der Reform dieses Geset­
zes im Jahre 1 988 kann ein Arbeitneh­
mer im zweiten Jahr der Beschäfti­
gung 10 Tage Urlaub nehmen. "  (Seite 
173) 
Solches und ähnlich Interessantes 
erfahren die Leser des kenntnisreichen 
Buches von M. Bobke und W. Leeher 
über den gegenwärtigen Stand der ja­
panischen Arbeitsbeziehungen. Das in 
zwei Abschnitte gegliederte Buch gibt 
im ersten Teil (Lecher) eine einführen­
de Darstellung der Arbeitsbeziehun­
gen und der Arbeitszeit in Japan. Der 
zweite Teil (Bobke) beschreibt anhand 
des Arbeitsrechts die normierten Rah­
menbedingungen der japanischen Ar­
beitsbeziehungen. 
Der mit vielen Schaubildern und Ta­
bellen aufgearbeitete Abschnitt über 
die Arbeitszeit bietet zu Beginn eine 
einführende Beschreibung der ge­
schichtlichen Vorbedingungen des ge­
genwärtigen Systems der Arbeitsbe­
ziehungen in Japan. Die, vergleicht 
man sie mit Europa, auch hier Wur­
zeln im Feudalismus haben, die aller­
dings zu einem weitaus größeren Aus­
maß, als es in Europa der Fall war, den 
Übergang vom Feudalismus zum Ka­
pitalismus überlebten und oft in modi­
fizierter Form in den heutigen Unter­
nehmen weiterbestehen. Neben dieser 
Darstellung entwickelt Leeher im er­
sten Teil eine umfangreiche Gesamt­
darstellung des gegenwärtigen Stan-
des der Arbeitszeit in Japan. In der 
anschließend dargestellten Untersu­
chung, die im Auftrag der japanischen 
Regierung erstellt wurde, zeigt sich 
deutlich, daß es auch in Japan einen 
Wertewandel unter den Beschäftigten 
gibt: Wo früher der Wunsch nach ma­
teriellen Dingen im Vordergrund 
stand, überwiegt unter den japani­
schen Arbeitnehmern heute das Be­
dürfnis nach einem Ausbau der Frei­
zeit, zum Teil anlehnend an westliche 
Standards. 
Abschließend verweist Leeher zu­
treffenderweise auf das Dilemma der 
Arbeitszeitverkürzung in Japan, das 
innerhalb der japanischen Gewerk­
schaften ohne Zweifel besteht. Denn 
eine Arbeitszeitverkürzung in Japan 
kann einerseits nur von den Gewerk­
schaftlichen Dachorganisationen 
(Rengo usw.) durchgesetzt werden, 
denn nur somit ist eine gleichzeitige 
industrieweite Einführung der Ver­
kürzung der Arbeitszeit möglich. 
Andererseits aber besitzen genau 
diese gewerkschaftlichen Dachorgani­
sationen in Japan aufgrund der star­
ken Stellung der Betriebsgewerk­
schaften nur eine schwache Position in 
der japanischen Arbeiterschaft sowie 
innerhalb des Tarifverhandlungssy­
stems. Dies führt dazu, daß der in Ja­
pan für die Durchsetzung einer Ar­
beitszeitverkürzung so wichtige Orga­
nisationsteil (Dachverband), inner­
halb des japanischen Gewerkschafts­
systems nur unzureichend gestärkt ist. 
Tragende Säule und Zentrum der ja­
panischen Gewerkschaftsbewegung 
sind die mehr als 70 .000 Betriebsge­
werkschaften, die zwar zum überwie­
genden Teil in den Dachverbänden or­
ganisiert sind, aber der Dachverband 
hat, abgesehen von den alljährlichen 
"Frühjahrsoffensiven" ,  wenig Einfluß 
auf die gewerkschaftliche Tarifpolitik 
Denn die Tarifpolitik obliegt zum 
überwiegenden Teil den Betriebsge­
werkschaften. Selbst innerhalb dieser 
ins Deutsche übersetzte "Frühjahrsof­
fensiven" spielen die Dachverbände 
nur eine Vorreiterrolle, wodurch diese 
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