Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

Ebensowenig vermag er an der Lahn­
quotenentwicklung Unterschiede zwi­
schen den beiden Ländern zu er­
blicken. Somit scheinen sich die Diffe­
renzen auf die Rethorik und die At­
mosphäre zu beschränken. In der poli­
tischen Praxis verhielten sich die 
deutschen Gewerkschaften ebenso wie 
die Österreichischen - ein nicht ganz 
überraschendes Resultat, da die Kar­
paratismusliteratur die ERD immer 
der dafür charakteristischen Staaten­
gruppe zuzählt. 
Gewisse Unterschiede sieht Christi 
in der Beschäftigungspolitik beider 
Länder. Das Konzept des "Austrokey­
nesianismus" sei ohne gewerkschaftli­
che Kooperation nicht denkbar gewe­
sen. Seine Effekte lägen allerdings im 
Vergleich zur ERD nicht in der Fis­
kal-, sondern in der Geldpolitik Das 
Nettodefizit der öffentlichen Haushal­
te des Gesamtstaates in der ERD habe 
1975 jenes Österreichs übertroffen. 
Erst in den achtziger Jahren sei die 
Österreichische Fiskalpolitik deutlich 
expansiver als die in der ERD gewe­
sen. Sichtbare Unterschiede fänden 
sich jedoch in der Geldpolitik Das 
Österreichische Zinsniveau wäre 1 973 
bis 1975 entgegen der langjährigen Si­
tuation deutlich unter dem deutschen 
gelegen. Der Autor schreibt diese Poli­
tik teilweise dem Sozialpartnereinfluß 
in der Notenbank zu, teilweise deren 
Überzeugung, daß eine lockere Geld­
politik zu keinen Konsequenzen bei 
den Löhnen führen würde. 
Die wesentlichen Beschäftigungsef­
fekte ergäben sich allerdings aus dis­
kretionären Eingriffen wie der Be­
schäftigungspolitik, welche die ver­
staatlichte Industrie betrieben hatte 
und der Reduktion des Ausländerstan­
des. Nicht zu folgen vermag man der 
Meinung des Autors, die Arbeit der 
Österreicher im Ausland habe gleich­
falls den Angebotsdruck gemildert, 
denn auch die Zahl dieser Arbeitskräf­
te ging nach 1975 zurück, ähnliches 
gilt für den Karenzurlaub. Ein ge­
wichtiger Einfluß resultiere aus dem 
Transfer der Arbeitslosigkeit in das 
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Pensionssystem. Interessant scheint in 
diesem Zusammenhang, daß sich das 
"Vorruhestandsgesetz" in der ERD als 
Fehlschlag erwiesen hat. 
Wenn der Verfasser diese klare und 
wohldokumentierte Studie (es wurde 
die gesamte einschlägige Literatur 
verarbeitet) mit der Bemerkung been­
det, es gehe darum, die Österreichische 
Sozialpartnerschaft im Hinblick auf 
ihre wirtschaftlichen Auswirkungen 
zu "entmythologisieren" ,  dann wird 
sie diesem Ziel aus zwei Gründen 
nicht gerecht. Zunächst legt er selbst 
dar, daß sich zwar die Fiskalpolitik 
der ERD und Österreichs in der Phase 
des "Austrokeynesianismus" nicht un­
terschieden hatten, wohl aber die 
Geldpolitik unter dem Einfluß der So­
zialpartner. Und damit hatte durch 
den weit schächeren Rückschlag in 
Österreich der Aufbau des Arbeitslo­
sensockels mit seinen Hysteresiseffek­
ten vermieden werden können, wel­
chen Zusammenhang Solow mit den 
Worten "an ounce of prevention is 
worth a ton of correction" (Solow, 
1991 ,  S. 196) charakterisiert. In der 
Folge kam es dann zum Unterschied, 
nicht nur zu Westeuropa, sondern 
möglicherweise auch zur Bundesrepu­
blik zum Abbau der Lohnsteigerungs­
ratell nicht durch "incomes policy by 
fear" (Cornwall, 1991 ,  S. 1 14), als Fol­
ge hoher Arbeitslosenraten, sondern 
als Konsequenz des "social bargain" ,  
also der Sozialpartnerschaft. 
Aber dann ist noch ein weiteres. 
Hier scheint natürlich ein quantitati­
ver Nachweis kaum möglich, aber auf 
dieses Problem weist er ja selbst hin. 
Bedenkt man den ökonomischen Auf­
holprozeß Österreichs nach 1 945, der 
je Einwohner noch erfolgreicher ver­
lief als in der Bundesrepublik (alt) und 
erwägt man die gewaltigen wirtschaft­
lichen Kräfte, welche diesem Staat zu­
geschrieben werden, muß man sich 
fragen, was es wohl gewesen ist, das 
diesen enormen Expansionsprozeß in 
Österreich ermöglicht hat. Was ist der 
wirtschaftliche "asset" dieses Landes? 
Hängt das nicht doch irgendwie mit
        

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