Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

endenzen zu erkennen und zu analysieren sind. Definiert man auf diese 
Weise eine eigenständige Makroökonomie, so wird ein Teil der Theorie­
gebäude, die sich mit den von Fischer genannten gesamtwirtschaftlichen 
Problemen beschäftigt, nicht erfaßt bzw. ausgeschlossen, nämlich dieje­
nigen Systeme gesamtwirtschaftlicher Aussagen, die aus der Mikroöko­
nomie mit Hilfe von Verallgemeinerungen von der einzel- auf die ge­
samtwirtschaftliche Ebene gewonnen werden. 
Mit dieser Ausklammerung von gesamtwirtschaftlichen Aussagen, die 
aus der Mikroökonomie gewonnen werden, soll selbstverständlich nicht 
die Notwendigkeit und Bedeutung der mikroökonomischen Analyse 
selbst angezweifelt werden. Diese ist vor allem aus zwei Gründen not­
wendig und vorteilhaft: Erstens handeln in einer Wirtschaft stets die In­
dividuen und nicht die Aggregate, die von der Makroökonomie betrach­
tet werden; also braucht man die Mikroökonomie, um wirtschaftliches 
Handeln zu erklären. Zweitens kann die Mikroökonomie das Verhalten 
des einzelnen in einer gegebenen Umwelt betrachten; die Auswirkungen 
seines Handeins auf die Umwelt kann sie vernachlässigen - sie kann, mit 
anderen Worten, partialanalytisch sein und sich für jedes zu behandeln­
de Problem jeweils auf einen überschaubaren Bereich beschränken. Da­
durch kommt die Mikroökonomie häufig zu eindeutigen Ergebnissen. 
Der erste Grund für die ungefährdete Existenz der Mikroökonomie 
bringt nun viele Autoren zu der Meinung, jede ökonomische Theorie 
müsse notwendigerweise mikroökonomischer Natur sein. Ekkehard 
Schlichts Referat mit dem Thema "Die Wachstumstheorien im Wider­
spiel von Mikro- und Makroansatz" auf dem letzten Ottobeurer Seminar 
verdanke ich den Hinweis, daß man eine solche Sicht schon bei Carl 
Menger findet: 
"Die Phänomene der ,Volkswirtschaft' sind . . .  keineswegs unmittelba­
re Lebensäußerungen eines Volkes als solchen, unmittelbare Ergebnisse 
eines ,wirtschaftenden Volkes', sondern Resultate all der unzähligen ein­
zelwirtschaftlichen Bestrebungen im Volke, und sie vermögen demnach 
auch nicht unter dem Gesichtspunkte der obigen Fiktion uns zum theo­
retischen Verständnisse gebracht werden. Die Phänomene der ,Volks­
wirtschaft' müssen vielmehr, gleich wie sie sich uns in Wirklichkeit als 
Resultate einzelwirtschaftlicher Bestrebungen darstellen, auch unter 
diesem Gesichtspunkte theoretisch interpretiert werden." (Menger, 1883,  
S .  87 f ,  zitiert nach Schlicht, 1 99 1) .  
Schlicht folgert daraus, daß nach dieser Überlegung eine makroöko­
nomische Theorie keine Berechtigung habe; sie wäre "Fiktion" .  
Wenn man aber dieser Auffassung folgt und mikrotheoretisch an die 
Lösung ökonomischer Fragen herangeht, dann stellt sich das Problem 
der Verallgemeinerung: Unter welchen Voraussetzungen kann eine ge­
fundene mikroökonomische Aussage zu einer gesamtwirtschaftlichen 
Aussage verallgemeinert werden, mit anderen Worten auf die Ebene ei­
ner makroökonomischen Aussage gehoben werden? 
Die Mikroökonomen, die einer solchen Verallgemeinerung nicht wi­
derstehen können, gehen zwei Wege: Sie bezeichnen den individuellen 
Akteur als repräsentativen Haushalt bzw. als repräsentatives Unterneh-
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