Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

Editorial 
Angebotsschock am Arbeitsmarkt 
Wer Arbeitslosigkeit bekämpfen oder ihren Anstieg verhin­
dern will, muß zuerst die Frage nach den Ursachen beantwor­
ten. So kann die Gesamtnachfrage zu gering sein, das Arbeits­
kräfteangebot wachsen oder Angebot und Nachfrage struktu­
rell nicht zueinanderpassen. In der Realität segmentierter Ar­
beitsmärkte treten Arbeitslosigkeit und Arbeitskräftemangel 
gleichzeitig auf und überlagern zusätzlich Strukturdiskre­
panzen. Daneben spielen auch das Arbeitsmarktverhalten von 
Arbeitnehmern und das Einstellungsverhalten von Unterneh­
mern eine Rolle, Verhaltensweisen, die ganz entscheidend von 
den herrschenden Machtverhältnissen bestimmt werden. Der 
Ausgleich von Ungleichgewichten am Arbeitsmarkt ist Auf­
gabe von Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarktpolitik. Eine 
effiziente Arbeitsvermittlung kann vor allem friktioneHe Ar­
beitslosigkeit verkürzen. Wird Arbeitsmarktflexibilität durch 
kürzere Arbeitsverhältnisse, durch häufigere Kündigungen 
und Neueinsteilungen erhöht, so steigen die Anforderungen 
an die Arbeitsvermittlung. Das Instrumentarium der Arbeits­
marktpolitik wird dann nicht mehr befriedigend funktionie­
ren, wenn neue Probleme am Arbeitsmarkt entstehen. Es 
hängt von gesellschaftlichen Wertvorstellungen ab, was als 
Problem gesehen wird und als problemgerechte arbeitsmarkt­
politische Maßnahme. 
Am Arbeitsmarkt wird über Lebenschancen von Menschen 
entschieden. Daher müssen neben wirtschaftlichen auch so­
ziale und gesellschaftliche Überlegungen eine Rolle spielen. 
Es müssen anfallende Kosten und erzielter Nutzen auf einzel­
und gesamtwirtschaftlicher Ebene gegeneinander abgewogen 
werden. 
Für solch eine ausgewogene Betrachtungsweise hat die ta­
gespolitische Diskussion keine Zeit. Komplexe Sachverhalte 
werden auf ein für sich sprechendes Schlagwort wie z. B .  
Mißbrauch oder Sozialschmarotzer reduziert. Überlebens­
wichtige Fragen wie zukunftsträchtige Berufsqualifikationen 
oder eine wettbewerbsfähige Wirtschaftsstruktur im nächsten 
Jahrtausend finden vergleichweise wenig Interesse. 
Im folgenden soll nicht nur erörtert werden, worüber man 
spricht, sondern auch, worüber man sprechen sollte. Steigen­
de Arbeitslosigkeit als Folge eines Angebotsschocks und die 
Auswirkungen dieser Entwicklung in vielen Arbeitsmarktbe­
reichen, jetzt und in Zukunft. Weiters die Folgen für Struk­
turveränderung und Wirtschaftsentwicklung insgesamt und 
letztlich die Voraussetzungen und notwendigeh Maßnahmen, 
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