Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 3 (3)

formen, welche mit den Namen Ha­
nusch und Bauer verbunden sind, 
durchsetzten, stieg der Organisations­
grad der Freien Gewerkschaften stark 
an. Diese Aufwärtsbewegung hielt 
auch im Jahr 1921 an, das von Kämp­
fen um die Verteidigung der Reallöhne 
gegen die sich schwindelerregend be­
schleunigende Inflation geprägt war. 
Die Mitgliederzahl stieg von 772 .000 
Ende 1919  auf den Höchststand von 
1 ,098 .000 Ende 1921 .  
Ab dieser Zeit befanden sich die 
Freien Gewerkschaften beständig in 
der Defensive. Die Christlichsozialen 
kündigten die "Beseitigung des revo­
lutionären Schutts" an und demon­
tierten demgemäß schrittweise die so­
zialen Reformen. Reallohnverluste 
und hohe Arbeitslosigkeit sowie sin­
kender politischer Einfluß ließen den 
Nutzen einer Mitgliedschaft bei den 
Freien Gewerkschaften zunehmend 
fragwürdig erscheinen. Deren Mitglie­
derstand fiel bis 1926 kontinuierlich 
auf 756 .000 .  
Mit dem Einsetzen der schweren 
Wirtschaftsdepression beschleunigte 
sich der organisatorische und politi­
sche Niedergang der Freien Gewerk­
schaften. Aus der Verteidigung der so­
zialen Errungenschaften wurde rasch 
ein verzweifelter Kampf um die Exi­
stenz dieser Arbeitnehmerorganisatio­
nen. 1932 belief sich die Zahl der Mit­
glieder auf nur noch 520 .000 .  Nach 
dem militärischen Sieg über die Arbei­
terbewegung im Februar 1934 löste 
das autoritäre Regime die Sozialdemo­
kratischen Gewerkschaftsorganisa tio­
nen auf. 
In den Jahren 1918  bis 1920 war der 
Staat gleichzeitig Adressat und Vehi­
kel (frei-)gewerkschaftlicher Politik, 
was sich in den arbeits- und sozial­
rechtlichen Reformen niederschlug. 
Unter dem Druck der politischen 
Machtverhältnisse waren die Unter­
nehmer zur Anerkennung der Gewerk­
schaften als gleichberechtigte Partner 
innerhalb der "paritätischen Indu­
striekomitees" bereit. 
Auch nach dem Austritt der SDAP 
aus der Regierung blieb die aktive 
Teilnahme am wirtschaftlichen Wie­
deraufbau erklärtes Ziel gewerk­
schaftlicher Politik. Aus der Sicht der 
Sozialdemokratischen Arbeitnehmer­
vertreter lag die Entfaltung des Kapi­
talismus auch im Interesse der Arbei­
terklasse, die mit jedem Schritt der in­
dustriellen Entwicklung ihrem histori­
schen Ziel näher rückte. Somit bildete 
das "Gesamtinteresse" der Österreichi­
schen Volkswirtschaft unabhängig von 
den politischen Machtverhältnissen 
den Orientierungsrahmen der freige­
werkschaftlichen Politik. Nur unter 
Berücksichtigung dieser grundlegen­
den Haltung werden die Reaktionen 
der Gewerkschaften auf die Maßnah­
men der Regierung verständlich. 
Die Auflösung der Industriekomi­
tees 1921  und die folgenden christlich­
sozialen Offensiven gegen die Positio­
nen der Arbeiterbewegung änderten 
nichts am grundsätzlich kooperativen 
Kurs der Freien Gewerkschaften. Eine 
Eskalation des Klassenkampfes von 
seiten der Arbeiterschaft wurde nicht 
in Erwägung gezogen, da sie darin eine 
Gefährdung der sozialen Errungen­
schaften erblickten. 
Die Problematik der gewerkschaftli­
chen Haltung trat bereits 1922 bei der 
Bewertung der Genfer Protokolle und 
des darauf aufbauenden Sanierungs­
plans zutage. Die Arbeitnehmerorga­
nisationen wiesen zwar den Regie­
rungsplan wegen der politischen und 
unmittelbaren sozialen Implikationen 
zurück, wollten die Sanierung an sich 
jedoch nicht behindern. Die SDAP 
stimmte im Parlament zu. 
Mit dem Zusammentreffen des kon­
junkturellen Tiefs mit der strukturel­
len Krise in den Jahren 1925/26 erwies 
sich die Hoffnung auf eine dem Wesen 
des Kapitalismus entsprechende Ge­
sundung der Österreichischen Wirt­
schaft und damit auch auf eine Lösung 
des Arbeitslosenproblems (1926 
11 Prozent) als trügerisch. Die Ge­
werkschaften forderten eine expansive 
Wirtschaftspolitik, erwarteten aber ei­
ne vollständige Lösung der Krise nur 
4 1 1
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.