Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 3 (3)

von einem Abschluß an Deutschland. 
Unter expansiver Wirtschaftspolitik 
wurden in erster Linie kredit-, han­
dels- und zollpolitische Maßnahmen 
zugunsten des Exports und eine geziel­
te Förderung der Importsubstitution 
verstanden, aber auch eine Auswei­
tung der öffentlichen Investiti­
onstätigkeit und Subventionen für die 
Einstellung zusätzlicher Beschäftigter. 
Der ausgeglichene Etat und die Stabi­
lität des Geldwerts blieben freilich 
zunächst auch für sozialdemokrati­
sche Experten unumstößliche Maxi­
men. 
Angesichts der Weltwirtschaftskrise 
und des "Antiterrorgesetzes" vom 
April 1930 ,  welches das Kollektivver­
trags- und das Streikrecht einschränk­
te, erschienen die Verteidigung des 
lohnpolitischen Status quo und die 
Erhaltung der Organisation als die 
vorrangigen Aufgaben der Freien 
Gewerkschaften. Die umfassende 
Krise verstärkte also die Koopera­
tionsbereitschaft dieser Arbeitnehme­
rorganisationen. Die Logik der ge­
samtwirtlich orientierten Politik 
machte einen aktiven Widerstand ge­
gen den offenen Konfrontationskurs 
der Unternehmer und der Regierung 
unmöglich, da die Gewerkschaften 
Konflikten, die notgedrungen die öko­
nomische Instabilität erhöhen mußten, 
grundsätzlich aus dem Wege zu gehen 
suchten. 
Die Sozialdemokraten in der Partei 
und in den Gewerkschaften interpre­
tierten die Depression als normale zy­
klische Krise, die den Keim des Auf­
schwungs bereits in sich berge. Das 
Dogma von den Selbstheilungskräften 
des Kapitalismus prägte auch zu Be­
ginn der dreißiger Jahre die wirt­
schaftspolitischen Konzepte von SD­
AP und Freien Gewerkschaften. Nach 
wie vor wurde der Währungssicherung 
ein absoluter Primat eingeräumt. Die­
ses Verhalten ist, wie Weber-Felber mit 
Recht feststellt, nur vor dem Hinter­
grund der traumatischen Erfahrung 
mit der Hyperinflation der Nach­
kriegszeit zu verstehen. 
412  
In  Übereinstimmung mit diesen 
wirtschaftspolitischen Dogmen 
stimmte die SDAP im Oktober 1931  
dem nach den Vorgaben des Völker­
bundes erstellten Budgetsanierungs­
gesetz zu. Sie hatte ein Restriktions­
budget mitzuverantworten, welches 
die Kaufkraft weiter schwächte, die 
Arbeitslosigkeit erhöhte und einer of­
fensiven Wirtschaftspolitik eine Absa­
ge erteilte. Die Opposition war auch 
im Sommer 1932 mit der allgemeinen 
Widmung der Lausanner Anleihe zur 
Kosolidierung der Bundesschuld 
grundsätzlich einverstanden. 
Die Gewerkschaften vermißten in 
diesem Krisenmanagement konkrete 
Maßnahmen zur Bekämpfung der Ar­
beitslosigkeit (1932 je nach Schätzung 
21 , 7  Prozent oder 27 ,0  Prozent ! ) .  Diese 
erschien ihnen als notwendige Voraus­
setzung für die Wiederherstellung der 
Handlungs- und Legitimationsmög­
lichkeiten der Gewerkschaften. Sie 
rückten 1932 in der Frage der Finan­
zierung von Arbeitsbeschaffungsmaß­
nahmen erstmals vom Dogma des Eta­
tausgleichs ab. 
Im Juli 1933 trat eine außerordentli­
che Reichskonferenz der Freien Ge­
werkschaften zusammen, welche das 
Arbeitsbeschaffungsprogramm "Ar­
beit für 200 .000"  beschloß. Die For­
derung nach der Finanzierung von 
öffentlichen Investitionen durch Kre­
ditausweitung erfolgte nicht zuletzt 
unter Hinweis auf die sichtbaren 
Erfolge ähnlicher Maßnahmen im 
Ausland. Das Programm bedeutete die 
Abwendung von der Anschlußorien­
tierung und vom Dogma der Selbst­
regulierung der Machtkräfte. Nach 
wie vor stand jedoch die Förderung 
der Exporte durch die Intensivierung 
der Handelsbeziehungen usw. an 
erster Stelle des Maßnahmenpro­
gramms. 
Das Einschwenken der SDAP auf 
eine unorthodoxe Arbeitsbeschaf­
fungspolitik erfolgte freilich zu einem 
Zeitpunkt, als die Arbeiterbewegung 
keine demokratische Aktionsmöglich­
keit mehr hatte.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.