Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 2 (2)

FINANZWISSENSCHAFTSLEHR­
BÜCHER IM VERGLEICH 
Rezension von: Joseph E. Stiglitz, 
Bruno Schönfelder, Finanzwissen­
schaft, Oldenbourg-Verlag, Mün­
chen/Wien 1989,  772 Seiten, und: 
Dieter Brümmerhoff, Finanzwissen­
schaft, 5. erweiterte und überarbeitete 
Auflage, Oldenbourg-Verlag, Mün­
chen/Wien 1990,  548 Seiten. 
I. 
Die Entwicklung des öffentlichen 
Sektors der späten achtziger und der 
neunziger Jahre ist - dies wird kaum je­
mand noch bestreiten - durch eine mar­
kante Rollenwandlung bestimmt. Einer­
seits wird er in vielen Bereichen durch 
Privatisierung an Gewicht verlieren. In 
anderen wird sich die Organisations­
form des öffentlichen Sektors ändern. 
Manche Funktionen von Nationalstaa­
ten werden - zumindest in Westeuropa -
auf supranationale Zusammenschlüsse 
übergehen. Andererseits ist angesichts 
der herrschenden Problemlagen zu er­
warten, daß auf den öffentlichen Sektor 
insgesamt wichtige Aufgaben im Um­
welt- und Verkehrsbereich zukommen. 
Eine weitere einschneidende Ände­
rung betrifft die Sicht von Steuersy­
stemen. Traditionellerweise war man 
gewohnt, diese vor allem unter fiskali­
schen und redistributiven Sichtwei­
sen, sowie eventuell unter dem Aspekt 
der makroökonomischen Stabilisie­
rung zu sehen. Diskussionen wie jene 
um "Öko-Steuern" ,  um "Maschinen­
steuern" und um Progressionsabbau 
zeugen von der Einsicht, daß Steuersy­
steme einen umfassenden Eingriff in 
das Preissystem einer Volkswirtschaft 
darstellen und unter diesem Aspekt zu 
analysieren sind. 
Dieser Neudefinition des öffentli­
chen Sektors sind in den siebziger Jah­
ren theoretische Innovationen voran­
gegangen, welche die Finanzwissen­
schaft von einer stark institutionell 
geprägten Sonderdisziplin endgültig 
zu einer allgemeinen Theorie nicht­
marktlicher Allokationsmechanismen 
machte - und damit zu einem integrie­
renden Teil der modernen theoreti­
schen Ökonomie überhaupt. Man den­
ke nur an Bereiche wie die Optimal­
Steuertheorie oder "anreizkompa­
tible" Mechanismen der effizienten 
Bereitstellung öffentlicher Güter. 
Es sei dahingestellt, inwieweit die 
eingangs erwähnte Verlagerung des 
Schwerpunkts in der politischen Dis­
kussion mit diesen theoretischen Inno­
vationen in Verbindung steht oder gar 
direkt auf diese zurückgeht. Im Be­
reich der Steuerreform ist ein solcher 
Zusammenhang allerdings evident. In­
dessen sollte man sich vor dem Trug­
schluß hüten, diese neuen Theorien 
lieferten Lösungen, die man nur "in 
die Praxis umsetzen" müßte. Ihre Be­
deutung besteht vielmehr meist darin, 
daß sie den begrifflichen Rahmen und 
präzise Argumente für einen qualifi­
zierteren Diskussionsprozeß im politi­
schen Bereich liefern. 
Dies können sie aber nur leisten, 
wenn eine hinreichende Anzahl von in 
der Politikberatung, im Journalismus 
und in den Interessenvertretungen 
tätigen Menschen die wesentlichen 
Argumente verstehen. Der sich daraus 
ergebenden Notwendigkeit, die zuerst 
nur in abstrakten und komplizierten 
Modellen formulierten Zusammen­
hänge für ein nicht-spezialisiertes 
Fachpublikum zugänglich zu machen, 
trägt nunmehr eine in den achtziger 
Jahren erschienene neue Generation 
von Lehrbüchern Rechnung. 
II. 
Dem ersten der hier besprochenen 
gelingt dies auf eine bemerkenswerte 
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